11.40 Uhr: Bombe ist entschärft

Lübecker Nachrichten   31.07.2018

Kampfmittelräumdienst machte hochexplosiven Blindgänger unschädlich

Von Dorothea von Dahlen

Die Sprengmeister Heinz Kollath und Oliver Kienast präsentieren die entschärfte Bombe. Das Besondere: Sie enthielt eine Zündkette aus explosiven Komponenten nebst Detonator. Jetzt wird sie zu einer Spezialfirma gebracht, wo man sie in Scheiben schneidet und vernichtet. FOTOS: VON DAHLEN

Bad Oldesloe. Da waren wieder Profis am Werk: Binnen 40 Minuten hatten am Montag die Sprengmeister Heinz Kollath und Oliver Kienast die Fliegerbombe nahe der Oldesloer Bahn unschädlich gemacht. Der Blindgänger war am Mittwoch im Baugebiet Claudiussee entdeckt worden,

Früh am Morgen sicherte die Polizei bereits sämtliche Zufahrtstraßen in das Gebiet ab, das im Falle einer Detonation gefährdet gewesen wäre. 1200 Oldesloer wohnen dort. An alle Haushalte war per Handzettel schon am Freitag ein Appell ergangen, die Wohnungen und Häuser bis 10 Uhr zu verlassen.

Auch Josef Völker und Sohn Janek folgten dem und radelten gen Schrebergarten. „Wir hätten heute eigentlich die Handwerker im Haus gehabt und mussten ihnen absagen. Aber was will man machen? Es ist höhere Gewalt“, erklärte der Vater achselzuckend.

Dieter Eichert schwang sich ins Auto, die Heilige Schrift auf dem Beifahrersitz. „Ich mache Besuche. Kein Wunder, dass jetzt eine Bombe entschärft werden muss. Die Menschen leben eben nicht nach der Bibel, da steht: Schwerter zu Pflugscharen“, entgegnete der Anwohner der Hebbelstraße.

Schon die vierte Evakuierung erlebte Bettina Meetz. „Ich nehme jetzt genauso wenig mit wie beim ersten Mal – außer die Kinder natürlich“, setzte sie lachend hinterher. Damals, vor 28 Jahren, sei ein Blindgänger an der Bahnunterführung Ratzeburger Straße entschärft worden. „Das Ding lag unter den Bahngleisen“, erinnerte sie sich.

„Das ist meine dritte Entschärfung“, sagte Antje Tesing. Sie nutzte die Zeit bis 10 Uhr, um Wäsche aufzuhängen. Als Anwohnerin der Ernst-Barlach-Straße durfte sie zu Hause bleiben – mit der Auflage, tatsächlich drin zu bleiben.

Drei Liegendtransporte musste die Rettungswache gestern vornehmen, um Kranke vorübergehend aus dem Gebiet in Sicherheit zu bringen. Am Bahnhof kümmerten sich sechs Sanitäter um das Wohl von Oldesloern, die während der Evakuierung nicht bei Angehörigen oder Freunden unterkommen konnten. Für sie war ein klimatisierter Linienbus aufgestellt worden – ein Angebot, von dem indes nur fünf Menschen Gebrauch machten.

Mit einem Großaufgebot hielt sich auch die Freiwillige Feuerwehr für den Ernstfall bereit. „Alle vier Wehren aus Seefeld, Poggensee, Rethwischfeld und Oldesloe sind am Start“, informierte gestern Gemeindewehrführer Olaf Klaus. „40 Kameraden sind im Einsatz. Für einen Montag ist das nicht üblich. Das ist schon sehr gut“.

Derweil war die Polizei mit Lautsprecherwagen unterwegs, 20 Beamte durchstreiften das Gebiet, um auch noch die letzten Ahnungslosen von der bevorstehenden Sperrung zu unterrichten. „Es gab keinerlei Probleme, keine Beschwerden. Es ist alles reibungslos verlaufen“, meldete Holger Meier, Sprecher der Polizeidirektion Ratzeburg, kurz vor 11 Uhr. Und das war das Signal für die Experten.

In 300 Metern Entfernung schritten Heinz Kollath und sein Kollege Oliver Kienast zur Tat, um den Zünder der 500 Kilogramm schweren Bombe außer Gefecht zu setzen. Nach nur 40 Minuten gaben sie Entwarnung. Die Operation war gelungen, wenn auch unter schwierigen Bedingungen, wie Oliver Kienast erklärte: „Der Zünder konnte mit bloßem Auge nicht identifiziert werden, weil er im Wasser lag.“

Deshalb habe er die Bombe mit der Hand abtasten müssen. Das Heck, an dem diese Art Zünder sitze, sei stark verkrustet gewesen. Laut Kollath bestand der Zünder zudem aus einer ganzen Kette hochexplosiver Stoffe wie Trizinat mit Aluminiumanteilen.

Ein wenig schüchtern am Rand des Geschehens saß Stefan Borchardt. Dabei war es der Baggerführer, der auf das gefährliche Teil erst aufmerksam gemacht hatte. „Ich sollte die Stelle säubern, weil dort Unrat im Boden lag, da hab ich sie entdeckt“, erzählte er. Unverzüglich rief er Mitarbeiter des privaten Kampfmittelbergungsunternehmens herbei, das bei den Arbeiten im Baugebiet ständig anwesend sein muss. Nachdem sich der Verdacht eines Bombenfundes erhärtet hatte, wurde der staatliche Kampfmittelräumdienst verständigt und ein Plan zur Evakuierung des Gebiets aufgelegt.

Ein Video zum Thema  finden Sie unter: LN-Online.de/Stormarn

Räumdienst fahndet nach Luftbildern

Der aktuelle Bombenfund werde nicht der letzte in Bad Oldesloe gewesen sein, sagte gestern Sprengmeister Oliver Kienast. Während des Zweiten Weltkriegs habe ein ganzer Bombenteppich die Gegend rund um den Bahnhof dem Erdboden gleichgemacht. Um zu erfahren, wo sich Verdachtsstellen befinden, habe der Kampfmittelräumdienst für Bad Oldesloe eine externe Recherche in Auftrag gegeben. „Wir möchten möglichst viele Luftaufnahmen erwerben, um uns ein besseres Bild machen zu können “, sagt der Experte. Einzigartiges Bildmaterial gebe es etwa in Großbritannien.

Über fünf Millionen Fotos von Lufteinsätzen aus der Zeit von 1939 bis 1945 lagern in den Aerial Reconnaissance Archives (TARA) an der Keele University im britischen Newcastle.

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