Verlieren die Bürger ihr Haus?

Lübecker Nachrichten   14.09.2018

Von Dorothea von Dahlen

Oldesloer Bürgermeister will Räume zu Büros umwandeln und Vereinen kündigen

Der Flur im obersten Stock des  Bürgerhauses, das derzeit von vielen Vereinen genutzt wird. FOTO: VON DAHLEN

Bad Oldesloe. Die Kreisstadt ähnelt einer Schlange, die aus der Haut platzt, weil sie wächst. Ob Schule oder Kita – überall herrscht Platznot, selbst in der Oldesloer Stadtverwaltung. Bürgermeister Jörg Lembke will die obere Etage des Bürgerhauses zu Büros fürs Personal umbauen lassen. Vereine, die dort Räume gemietet haben, sollen ausziehen. Das war schon 2017 verkündet und auch kritisch kommentiert worden. Nachdem es lange Zeit still war um das Thema, flammte die Debatte darüber jetzt im Zuge der Haushaltsberatungen wieder auf.

Die SPD-Fraktion war auf der jüngsten Bau- und Planungsausschusssitzung über das „Produktkonto 57302“ gestolpert, in dem der Umbau des Gebäudes mit 50 000 Euro beziffert ist. „Wir sehen es schon als Problem an, das Bürgerhaus für Büroräume umzubauen und sprechen uns dafür aus, die Summe erst einmal nicht in den Haushalt einzustellen“, sagte Annika Dietel (SPD). Dem schloss sich Anita Klahn (FDP) an mit Hinblick darauf, dass momentan schon für Bauprojekte in den Schulen sehr viel Geld investiert werden müsse.

Die Belange der derzeitigen Nutzer ähnlich wie die SPD-Fraktion im Sinn, meldete auch Wilfried Janson (Grüne) große Bedenken an. „Wir sind der Auffassung, dass die Vereine auf das Bürgerhaus angewiesen sind und können den Umbau nicht befürworten“, sagte er. Tom Winter (Familienpartei) legte der Verwaltung nahe, nach alternativen Möglichkeiten zu suchen. Bürgermeister Jörg Lembke zeigte sich indes entschlossen und betonte, die Verwaltung brauche dringend Büros. „Im Übrigen ist der Bürgermeister für die Vermietung der Räume zuständig und wird den Nutzern zu Ende März kündigen“, sagte er. „Sie können natürlich die Mittel zum Umbau verweigern. Dann müssen wir sehen, wie wir das Ganze mit Bordmittel umsetzen, einen Container oder eine Turnhalle nutzen. Es ist nicht möglich, die Verwaltung anderswo unterzubringen.“

Von den Kündigungen, die noch nicht zugestellt wurden, wären fünf feste Nutzer betroffen. Für Musikschulleiter Marian Henze wäre es sehr wichtig, den Unterrichtsraum im Bürgerhaus zu halten, da es keinen passenden Ersatz in zentraler Lage gebe, sagt er. Bewährungshelfer Hans-Christoph Heine: „Entschieden ist ja noch nichts. Wenn das passieren sollte, wird uns eine Alternative zur Verfügung gestellt, die die Landesjustiz dann anmietet“, erklärte er.

So entspannt wie Heine können es nicht alle Mieter sehen. Christina Istók, neue Leiterin der Pro-Familia-Beratungsstelle, macht sich Sorgen, wie die Schwangerschaftskonfliktberatung in der Kreisstadt unter veränderten Bedingungen weitergehen soll. „Wir sind schon informiert worden, dass die Stadt Raumprobleme hat. Aber seit einem Jahr haben wir nichts mehr gehört“, sagte sie. Aus diesem Grunde habe sich Pro Familia auch noch nicht auf die Suche nach einer Alternative gemacht. Finanziell werde es für die Beratungsstelle auch sehr schwierig, in Bad Oldesloe etwas Vergleichbares finden. Die Miete im Bürgerhaus sei relativ gering.

„Uns wurde schon ein Angebot gemacht, doch das kommt kostentechnisch für uns nicht in Frage“, sagte Angelika Reichel vom Vorstand der Oldesloer Hospizbewegung DaSein. Für einen gemeinnützigen Verein sei es kaum möglich, die Miete für einen Gewerberaum aufzubringen. Ein Auszug der Vereine sei zudem sehr bedauerlich. Die Vielfalt der Angebote entspreche der Idee eines Bürgerhauses.

Ein kleines Büro nutzt auch der Kreisverband des BUND. „Wir kämpfen wie die Löwen, dass wir drin bleiben können“, sagt der Vorsitzende Jochen Bloch. Er hält das angekündigte Prozedere für fragwürdig. „Wenn die Stadtvertretung sich mehrheitlich dafür ausspricht, ist es ein demokratischer Beschluss. Aber so ist es eine Entscheidung nach Gutsherrenart“, sagt er. Den Konferenzraum nutzen auch gelegentlich Initiativen als Treffpunkt. „Für die kostenlose Nutzung sind wir dankbar. Wenn es dabei bliebe, wären wir sehr froh“, sagt Walter Albrecht vom Aktionsbündnis gegen Rechts.

Wie es jetzt weitergeht, ist noch unklar. Gegen die Stimmen der CDU und bei einer Enthaltung setzte sich der Antrag der SPD durch. Demnach sollen die Umbaukosten von 50 000 Euro aus dem Etat zu gestrichen werden.

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