Wann rollen hier wieder Waggons?

Lübecker Nachrichten   05.01.2019

Stadt, Land und AKN tüfteln noch an der Reaktivierung des Oldesloer Industriegleises

Wenn es nach Benjamin Junker, dem Leiter der Oldesloer Niederlassung von Arcelor Mittal ginge, würden schon längst wieder Waggons auf dem Industriegleis am Bad Oldesloer Rögen verkehren. Foto: Dorothea von Dahlen

Bad Oldesloe. Stoßstange an Stoßstange stehen frühmorgens die Lkw im Rögen an, um ihre schwere Fracht auf dem Gelände der Oldesloer Niederlassung von Arcelor Mittal zu löschen. Tonnenweise Stahl aus ganz Europa liefern sie dort täglich ab. Nicht selten treffen zehn Brummis gleichzeitig vor den Toren ein. Da heißt es, warten und die Nerven behalten. Denn mitunter dauert es vier bis fünf Stunden, bis die Trucker wieder vom Hof reiten können.

Benjamin Junker, der die Filiale des Unternehmens seit April 2018 führt, hofft ganz dringend auf Entlastung. Und die wäre rein theoretisch auch möglich. Denn hinter dem Firmengebäude verläuft der Abzweig des insgesamt vier Kilometer langen Industriestammgleises, das die Bahnhöfe Blumendorf und Bad Oldesloe miteinander verbindet, aber Ende 2016 stillgelegt wurde. Ein Drittel des gesamten Warenverkehrs würde Junker gern darüber abwickeln. Und dafür gibt es gleich mehrere Gründe.

„Um 15 000 Tonnen Stahl zu bewegen, muss man 375 Waggons auf die Reise schicken, aber doppelt so viele Lkw“, rechnet Junker vor. Im vergangenen Jahr seien am Oldesloer Sitz von Arcelor 55 000 Tonnen Stahl aus ganz Europa eingetroffen. Lieferungen aus Luxemburg etwa hätten komplett auf die Schiene verlagert werden können, statt die ohnehin schon überfrachteten Autobahnen zu frequentieren. Bei den kleineren Partien, die später, nach den Wünschen der Kunden kommissioniert, die Hallen verließen, bleibe aber nur der konventionelle Versand über die Straße. Schließlich verfügten die Endabnehmer selbst kaum über einen Bahnanschluss.

Übers Jahr betrachtet, könnte sich das Unternehmen durch den Transport über die Schiene zudem unabhängig von den gesetzlich verordneten Fahrverboten an Sonn- und Feiertagen machen. „Vor allem in den katholischen Bundesländern ist das ein Problem. Überall kommt man durch und dort endet die Fahrt dann vorübergehend“, sagt Junker. Dass neuerdings vor dem katholischen Allerheiligen am 1. November nun auch noch bundesweit der Reformationstag gefeiert wird, hält er für eine Fehlentscheidung. Der Warenverkehr gerate dadurch ins Stocken und erhöhe anschließend den Druck auf die Lieferanten.

Wenn es nach dem Betriebsleiter ginge, so würde das Industriegleis eher heute als morgen reaktiviert werden. Über die auf Vermittlung der FDP-Landtagsabgeordneten Anita Klahn zustande gekommene konzertierte Aktion von Wirtschaftsministerium, Stadt Bad Oldesloe, Kreis, Wirtschafts- und Aufbauförderungsgesellschaft, Eisenbahnamt und der AKN Eisenbahn GmbH als potenziellem Betreiber der Strecke ist Junker deshalb froh. „Der Vorschlag, der noch unter dem alten Bürgermeister gemacht wurde, dass Arcelor das Gleis kaufen soll, war für den Konzern nicht tragbar. Da waren die Seiten festgefahren. Aber das jetzt vorgeschlagene Modell lässt sich gut an“, sagt er. Arcelor selbst werde die jährlich anfallenden Betriebskosten übernehmen.

Wie Bürgermeister Jörg Lembke darlegt, bleibt die Stadt nach wie vor Eigentümerin der Bahnanlagen. Der Bund habe zugesagt, sich zu 50 Prozent an den Kosten für die Ertüchtigung der Strecke zu beteiligen. Das Land wolle mit 150 000 Euro einsteigen. Jeweils mit 50 000 Euro wären auch die Stadt Bad Oldesloe und der Kreis mit im Boot, Letzterer im Sinne der Wirtschaftsförderung. „Was die Details angeht, stecken wir aber noch in Verhandlungen“, sagt Lembke. Noch sei nicht hinreichend ermittelt, was die Sanierung koste.

Nach ersten Messungen müssten viele Schwellen und Weichen ersetzt werden. Auch wie mit dem beampelten Bahnübergang an der B 75 zu verfahren sei, stehe noch in den Sternen. Die Brücken, über die das Gleis führe, schienen nach ersten Bestandsaufnahmen intakt zu sein. „Es sind aber noch viele Unbekannte in der Rechnung. Wir müssen sehen, wohin die Kosten laufen. Wenn das Land seinen Zuschuss deckelt und es wird teurer als die angenommenen 650 000 Euro, müssen wir sehen, wer die Differenz zahlt“, erklärt der Bürgermeister. Um der Firma Arcelor schnellstmöglich entgegen zu kommen, werde auch geprüft, ob nicht schon vor einer größeren Instandsetzung Züge auf der Strecke fahren könnten, beziehungsweise ob sich die Arbeiten nicht bei laufenden Betrieb bewerkstelligen ließen.

Nicht zuletzt bedarf es auch eines Eisenbahnbetriebsleiters und eines Verkehrsunternehmens, das die Zugfahrten abwickelt. Darüber sind die an der Aktion beteiligten Partner auch mit der AKN Eisenbahn GmbH im Gespräch. Deren Sprecherin, Christiane Lage-Kress, bat um Geduld, dass noch keine konkreten Ergebnisse vorliegen. „Wir sind mit allen Beteiligten wie Stadt, Land und Kreis in Gesprächen, um die sinnvollste Lösung für eine Aufgabenteilung beim Betrieb der Strecke zu finden“, erklärte sie auf LN-Anfrage.

Das Wirtschaftsministerium ließ keine Zweifel darüber aufkommen, dass das Verkehrsprojekt aus Kiel Unterstützung erwarten kann. „An der Zusage des Landes hat sich nichts geändert: Für die Reaktivierung ist eine Förderung aus Landesmitteln im Jahr 2020 vorgesehen. Dafür wurden im neuen Landes-GVFG, das gerade in der parlamentarischen Befassung ist, die Voraussetzungen geschaffen. Insofern kann ich nicht entdecken, wo etwas „haken“ sollte – die Zusage des Landes steht und wird umgesetzt“, teilt Ministeriumssprecherin Birte Pusback mit.

Benjamin Junker wiederum gibt die Hoffnung nicht auf, dass auf der Strecke schon vor der Sanierung Züge rollen. Denn ein weiterer gewichtiger Grund dürfte über kurz oder lang den Güterverkehr auf der Straße erschweren. „Die Speditionen finden immer weniger Personal. Nach Erhebungen der Logistikverbände verschwinden in den nächsten Jahren 30 000 Lkw-Fahrer von der Bildfläche“, sagt der Stahlhändler.

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