Dem mysteriösen Glasbild auf der Spur

Lübecker Nachrichten   12.02.2019

Woher kommt der Ritter? Oldesloer Historiker Heiko Vosgerau hat recherchiert

Die Glasmalereien in der sanierten Villa „Sophie“ in Bad Oldesloe warfen viele Fragen auf. Fotos: DVD

Bad Oldesloe. Die Lösung des Rätsels um das mysteriöse Glasbild in der Oldesloer Villa „Sophie“ ist einen erheblichen Schritt nähergerückt. Eigentümer Jürgen Seemann, der das Haus aus der Gründerzeit vor dem Abriss bewahrt und mit großer Hingabe wieder hergerichtet hatte, vermochte sich keinen Reim darauf zu machen, was die Motive auf dem farbenfrohen Kunstwerk zu bedeuten haben. Darüber hinaus stellte sich ihm die Frage, ob das von Sprossen gegliederte Bleiglasfenster tatsächlich für die Villa angefertigt wurde oder ob es nicht doch aus einem anderen Objekt stammt. Der Oldesloer Historiker Heiko Vosgerau hat nun etwas Licht ins Dunkel gebracht und die mysteriösen Darstellungen auf dem Glasbild entschlüsselt.

Unklar war zunächst, welche Bedeutung der Ritter hat, der im Zen­trum des Glasbildes steht. Auf seinem Schild ist ein siebenarmiger Leuchter zu sehen. Dieses Motiv wiederholt sich auch linker Hand auf einem benachbarten kleineren Fensterelement. Darüber ist zudem ein nicht ganz vollständiges Textband gespannt. Einzig das am Anfang stehende „von“ und die Endung „ow“ sind lesbar, der Rest wird von einer Pfauenfeder verdeckt. Ähnlich verhält es sich mit dem Glasbild rechts neben dem Ritter. Über dem sehr farbenreichen Segment, auf dem ein Schild mit einer Löwenfigur erkennbar ist, lassen sich ebenso nur einzelne Buchstaben eines ursprünglich längeren Schriftzugs entziffern.

Diese zunächst verwirrenden Puzzleteile setzte Heiko Vosgerau nun Schritt für Schritt zusammen. Da er sich mit genealogischer Forschung gut auskennt, gelang es ihm, einige Rückschlüsse zu ziehen. „Mir war gleich klar, dass es sich bei den Darstellungen um Familienwappen handeln musste“, berichtet er. Der siebenarmige Leuchter oder Kerzenrechen brachte ihn zunächst auf die Spur der von Levetzows. Dieses Adelsgeschlecht trägt ein solches Zeichen in seinem Schild. „So erklärt sich auch die Jahreszahl 1219, die über der Ritterfigur in das Glasbild eingelassen ist. Denn in diesem Jahr wurden die Levetzows erstmals urkundlich erwähnt“, sagt Vosgerau.

Seinen Erkenntnissen zufolge können die Glasmalereien jedoch erst nach 1903 entstanden sein. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte das Wappen nämlich noch fünf Zacken. Auf Beschluss der Familie wurde die Anzahl kurz nach der Jahrhundertwende auf sieben erhöht.

„Die Familie hat zahlreiche illustre Persönlichkeiten hervorgebracht, darunter die letzte Liebe Goethes, einen Reichtagspräsidenten sowie einen Flottenkommandeur und einen Berliner Polizeichef. Nicht zuletzt stammt auch der erste Landrat von Stormarn, Wilhelm von Le­vetzau aus der Familie, dessen Amtssitz 1873 Schloss Reinbek wurde“, fasst Vosgerau seine Recherchen zusammen. Eine direkte Verbindung des Adelsgeschlechts zu Bad Oldesloe konnte der Historiker nicht herstellen: „Die Vermutung liegt tatsächlich nahe, dass die Glasscheiben aus dem Besitz der Familie stammen und nachträglich in die Villa ,Sophie’ eingebaut wurden.“

Es blieb aber noch zu klären, was es mit der kryptischen Inschrift auf der rechten Seite des Bleiglasfensters auf sich hat. Vosgerau begab sich in diesem Fall auf die Spur des Löwen, der in dem deutlich umrissenen Schild in den Farben Rot und Grün zu sehen ist. Alsbald stieß er auf das Adelsgeschlecht der Schönbergs, die eigentlich im sächsisch-thüringischen Bereich ansässig waren. Doch der Historiker ließ nicht locker und fand eine Spur, die nach Schleswig-Holstein in den Lübecker Raum führt, und einiges mehr. Tatsächlich heiratete 1865 ein Hans Heinrich Hermann von Levetzow eine Johanna von Schönberg. Beide Ehegatten starben in Lübeck, er im Jahr 1913, sie bereits 1910. „Damit ist zumindest zwischen den auf dem Glasbild dargestellten Adelsfamilien und Bad Oldesloe eine räumliche Nähe hergestellt“, sagt Vosgerau.

Die Geschichte des Glasbildes selbst ist somit weitgehend erforscht. Offen bleibt nach wie vor, in welchem Zusammenhang es zur Villa „Sophie“ steht und wo es ursprünglich herstammt. Weitere Hinweise ergeben sich vielleicht beim nächsten Treffen der Familie von Levetzow. Wie die LN vom Eigentümer des Gutes Lelkendorf im Mecklenburgischen erfuhr, das als Stammsitz derer von Levetzow gilt, ist eine solche Zusammenkunft im Juni dieses Jahres geplant. „Wir könnten dann die Fotos vom Glasbild herumreichen und fragen, ob jemand etwas über dessen Herkunft weiß“, versprach Joachim von Levetzow.

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