Debatte über Sorgenkind Hagenstraße

Lübecker Nachrichten   03.03.2019

Kein Autoverkehr mehr in der oberen Hagenstraße? Fast sah es so aus, als würden die Händler ob dieses Beschlusses der Oldesloer Politik auf die Barrikaden gehen. Doch es kam anders.

Die Hagenstraße in Bad Oldesloe teilen sich derzeit Radfahrer, Autos, Fußgänger und Busse gleichberechtigt. Foto: Dorothea von Dahlen

Bad Oldesloe. Autos raus aus der oberen Hagenstraße: Diese über Parteigrenzen hinweg getroffene Entscheidung im Bau- und Planungsausschuss hat für reichlich Wirbel in Bad Oldesloe gesorgt. Nur noch Busse, Taxen, Fahrräder und natürlich Fußgänger sollen demnach aus westlicher Richtung in die Innenstadt gelangen. Viele Händler reagierten mit Abwehr und Unverständnis. Deshalb hatte das Bündnis von CDU, SPD, Grünen, Linken, FDP, Freien Wählern und Familienpartei die Gewerbetreibenden jetzt eingeladen, um die Motive für diesen Beschluss offen zu legen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Wie die Moderatoren der Veranstaltung, Hartmut Jokisch (Grüne) und Andreas Lehmann (CDU), darlegten, war der Beschluss wohl eher ein taktischer Zug als eine tragfähige Lösung für die unklare Verkehrssituation in der Hagenstraße, die der Bürgermeister beanstandet hatte. Laut Jokisch hatte Jörg Lembke kritisiert, dass sich alle Verkehrsteilnehmer den Straßenraum gleichberechtigt teilen und gefordert, diesen unhaltbaren Zustand zu korrigieren und an geltendes Gesetz anzupassen. Eine verkehrsberuhigte Zone komme Lembke zufolge nicht in Frage, weil auf der Hagenstraße zu viele Autos unterwegs seien. Kinder könnten dort nicht gefahrlos spielen. Die Einführung einer Zone mit Tempo 20, wie es der Bürgermeister vorschlage, sei aber für die Politik nicht akzeptabel, da in diesem Fall die Sicherheit der Fußgänger auf dem Spiel stehe. „Deshalb haben wir die Notbremse gezogen und einen Extrembeschluss gefasst, um den Bürgermeister zu zwingen, nach einer Alternative zu suchen“, fügte Lehmann hinzu.

Die Wirtschaftsvereinigung Bad Oldesloe hatte schon vor der Veranstaltung vorgeschlagen, den Abschnitt zwischen Sparkasse und Stadtverwaltung zum „Shared Space“ zu erklären und die Geschwindigkeit dort auf zehn Stundenkilometer zu begrenzen, sodass Autofahrer auf Fußgänger besser achtgeben können und umgekehrt. Das griff auch Harald Jokisch auf und führte die Stadt Husum als Beispiel an, wo erst vor wenigen Tagen eine solche Regelung für den Innenstadtbereich beschlossen worden sei. Er bedauerte, dass die Politik im Bauausschuss nicht gleich diese Lösung, sondern den Ausschluss des Pkw-Verkehrs favorisiert habe. Doch um es den Husumern gleichzutun müsse für die Hagenstraße einVerkehrskonzept entwickelt werden. Denn bei einem „Shared Space“ handele es sich nicht um ein feststehendes Modell im Sinne des Verkehrsrechts. Nach und nach erwies sich, dass zwischen Händlern und Parteien keine große Kluft liegt. „Wir sind jetzt ein stückweit beruhigter. Wie sich herausstellt, wären wir ja alle mit dem Status quo zufrieden, der ja jetzt schon den Charakter eines ’Shared Space’ hat. Alles, was wir wollen ist, dass der Untergrund netter und schöner wird. Und die Politik will offensichtlich nichts anderes“, sagte Holger Mahlke vom Vorstand der Wirtschaftsvereinigung.

Im Laufe des Abends trat aber ein weiteres Problem zutage. Die Händler äußerten ihre Sorge, dass die geplante Sanierung der Hagenstraße den ohnehin von Internetkonkurrenz gebeutelten Geschäften in der Innenstadt endgültig den Garaus machen könnte. Immerhin sollen sich die in fünf Abschnitte gegliederten Bauarbeiten laut Planungsbüro über einen Zeitraum von drei Jahren hinziehen. Hofladenbetreiber Thomas Wilken warnte davor, dass der Wochenmarkt stark beeinträchtigt werde, weil der Platz nicht in allen Bauphasen erreichbar sei. „Wir haben jetzt einen einigermaßen gut funktionierenden Markt. Wir befürchten, dass dann viele Kollegen abspringen“, sagte er. Sein Vorschlag, auf den Exer umzuziehen, versetzte wiederum Apothekerin Annette Steglich in Sorge. Der Markt sei ein großer Frequenzbringer für die Läden in der Fußgängerzone. Wenn er ausgelagert werde, blieben auch die Kunden aus, klagte sie. „Auch für uns ist die Planung existenzbedrohend“, sagte der Allgemeinmediziner Hubertus Tesdorpf. Die Bauabschnitte seien so konzipiert, dass die Gemeinschaftspraxis von insgesamt vier Ärzten für ein halbes Jahr blockiert werde und das bei einer Frequenz von 200 Besuchern pro Tag.

„Drei Jahre Baustelle – das ist eine Operation am offenen Herzen. Danach ist der Patient tot“, fasste Lars Cornehl von der Wirtschaftsvereinigung die Lage zusammen. Von mehreren Seiten wurde gefordert, die Planung so zu überarbeiten, dass die Sanierung schneller vonstatten gehen kann. Im Raum stand gar, den Baubeginn so lange zu verschieben, bis das neue Verkehrskonzept für den „Shared Space“ ausgearbeitet ist. Lehmann und Jokisch versprachen, mit den Händlern im Dialog zu bleiben und dafür zu sorgen, dass ihre Ideen bei der Gestaltung der Hagenstraße mit einfließen.

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