Gedenken an die Bombenopfer

Lübecker Nachrichten   25.04.2019

Am 24. April 1945 forderte ein verheerender Bombenangriff in Bad Oldesloe rund 700 Opfer – Gestern wurde in der Friedhofskapelle an sie erinnert

Am Gedenkstein legte Bürgermeister Jörg Lembke einen Kranz nieder. fotos: Bettina Albrod

Bad Oldesloe. 18 Minuten lang fielen am Dienstag, 24. April 1945, die Bomben auf Bad Oldesloe und forderten noch kurz vor Kriegsende rund 700 Todesopfer in der Stadt. Britische Bomber waren dafür verantwortlich, die eigentlich einen wichtigen Eisenbahnknotenpunkt zerstören wollten. 1262 Bomben löschten Häuser, Familien und Lebenspläne aus und legten Teile der Stadt in Schutt und Asche. An diese Tragödie erinnerte 74 Jahre nach dem Schreckenstag eine Gedenkfeier am Mittwoch in der Kapelle auf dem Oldesloer Friedhof. Anschließend legte Bürgermeister Jörg Lembke einen Kranz an der Gedenkstätte auf dem Friedhof ab.

Die Stadt, die Ida-Ehre-Schule, Stadtarchivarin Dr. Sylvina Zander, die evangelische Kirche, Bürgerworthalterin Hildegard Pontow sowie Zeitzeuge und Ehrenbürger Walter Busch würdigten die Opfer des Bombenangriffs und nutzten das Vergangene, um eindringlich zum Erhalt des Friedens aufzufordern. „Ich war an dem Tag nicht in Bad Oldesloe, sondern in Esbjerg bei der Ausbildung“, berichtete Busch. Ein anderer Mann habe ihn angesprochen und gesagt: Sie sind doch Oldesloer? Dann habe er von dem Bombenangriff erzählt. Nach zwei Tagen Angst und Ungewissheit erhielt der damals 17-jährige Busch eine Postkarte von seiner Mutter: „Wir leben“.

Reinhold Schoppenhauer hatte dieses Glück nicht. „Ich war in Dänemark und dann als Kriegsgefangener im Lager“, berichtet er. „Dass meine Eltern bei dem Angriff ums Leben gekommen sind, habe ich erst nach meiner Entlassung 1947 erfahren.“ Sie waren in einem Bunker verschüttet worden. Zur Erinnerung an sie dekoriert er jedes Jahr den Gedenkstein auf dem Friedhof mit Blumen. Gerd Manzel war sechs Jahre alt, als die Bomben auf Oldesloe fielen. „Hier auf dem Friedhof gab es zunächst Massengräber entlang des Wegs, bis die Opfer identifiziert und individuell beigesetzt wurden.“

Geschichten wie diese sind es, die die Geschehnisse von damals greifbar machen. „Für Schüler ist Geschichte eine Sammlung von Zahlen“, sagte Pastor Karsten Baden-Rühlmann in seiner Ansprache, „Geschichte ist aber auch eine Sammlung von Geschichten von Menschen. Es ist an uns und euch, dass diese Zeit nicht vergessen wird“, so sein Appell. Die Schüler der Ida Ehre-Schule, die die Feier mitgestalteten, bewiesen mit Musik- und Wortbeiträgen, dass sie sich in das Thema eingearbeitet hatten und zu eigenen Botschaften gekommen waren. Neben Zitaten berühmter Schriftsteller zum Frieden hatten die jungen Leute das Wort „Frieden“ in allen Sprachen Europas auf Tafeln geschrieben, die sie in der Kapelle abstellten.

In einer Präsentation zu Musikbegleitung zeigten historische Schwarz-Weiß-Aufnahmen, welche Wunden die Stadt durch die Angriffe damals davongetragen hatte. Busch hob heraus, dass er damals so alt war wie die meisten Schüler im Saal es heute sind. „Ich war 15 Jahre alt, als meine Klasse ins Wehrertüchtigungslager musste“, erzählte Walter Busch, „mit 16 Jahren kam ich zur Marine-Flak.“ Die nachfolgende Generation habe das große Glück, jetzt schon 74 Jahre Frieden erleben zu dürfen. „Sie durften in Frieden und Freiheit aufwachsen.“

Anschließend bewegte sich der Zug der Besucher zum Gedenkstein auf dem Friedhof, wo Bürgermeister Jörg Lembke einen Kranz niederlegte und noch einmal der vielen Toten gedachte. „Neben dem Volkstrauertag ist der Gedenktag ein zweiter Anlass, um für Bad Oldesloe eine gemeinsame Erinnerungs-Kultur aufzubauen“, erklärte Pastor Baden-Rühlmann. Insbesondere die Aussagen von Zeitzeugen seien unschätzbar und müssten bewahrt werden.

„Es gibt noch einen Stein, der damals für den Besitzer der Farbwerke Folkens errichtet wurde, der mittlerweile aber in Vergessenheit geraten ist“, erklärte Bürgerworthalterin Hildegard Pontow. Damals sei der Inhaber zum Werk geradelt, um den Schaden zu besichtigen, und durch einen Bombenabwurf sei seine Lunge zerstört worden.

„Der Stein liegt noch dort, wo das Farbwerk war. 2020 soll für diesen Stein ein würdiger Platz gefunden werden“, kündigte die Bürgerworthalterin an. Dann jährt sich der Tag des Bombenabwurfs zum 75. Mal.

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