Akute Personalnot im Rathaus

Lübecker Nachrichten   25.05.2019

Einen Riesenberg Überstunden schieben einige Mitarbeiter der Oldesloer Stadtverwaltung vor sich her – Auch Krankheitsfälle mehren sich – Personalrat der Behörde hat Alarm geschlagen

Im Bad Oldesloer Rathaus ist die Personaldecke zum Zerreißen gespannt – offenbar schon seit Jahren. foto: Dorothea von Dahlen

Bad Oldesloe. 35 offene Stellen, 5865 Krankheitstage im Jahr, Überstunden bis zur Belastungsgrenze: Die Personaldecke der Oldesloer Stadtverwaltung ist zum Zerreißen gespannt. Das geht aus dem Personalbericht 2018 hervor, der jetzt im Hauptausschuss vorgestellt wurde. Wegen seiner Transparenz und Ausführlichkeit erntete das Papier schon viel Lob. Die darin präsentierten Fakten lösten indes Bestürzung und Ratlosigkeit aus. Im Raum stand nicht nur die Frage, wie es dazu kommen konnte, diskutiert wurde auch, welche Maßnahmen ergriffen werden können, um Abhilfe zu schaffen.

Am gravierendsten ist die personelle Unterbesetzung offenbar im Hauptamt, zu dem auch das Bürgerbüro der Stadt gehört. Dort haben sich bei den Angestellten wohl so viele Überstunden angehäuft, dass es äußerst schwierig sein wird, sie abzubauen, ohne dadurch neue personelle Engpässe hervorzurufen. Wie Personalrätin Karin Heinzen erläuterte, ist die Arbeitsüberlastung bereits ein Erbe der Vergangenheit und wurde über Jahre hinweg ignoriert. Sie sprach von Überstunden, die schon aus der Zeit vor 2016 resultieren und derzeit „eingefroren“ sind.

„Für die müssen wir eine Lösung finden. Wir haben alles Mögliche angedacht und müssen als Verwaltung in die Richtung gehen, Lebenszeitkonten einzuführen, was ja viele schon machen“, sagte Heinzen. Den Vorschlag von Andreas Lehmann (CDU), die Überstunden auszubezahlen, damit nicht weiterer Frust unter den Mitarbeitern entstehe, wies sie als wenig praktikabel zurück. In der Regel seien Kollegen in Führungspositionen betroffen. Sie lehnten Auszahlungen ab, weil es dann höhere steuerliche Abzüge gebe. Ein Problem stelle auch dar, dass Überstunden von den Vorgesetzten gestrichen würden, da sie über das vereinbarte Arbeitszeitkonto hinausgingen. Dagegen wolle jetzt eine Kollegin klagen. „Sie sagt, es kann nicht sein, dass ich so unter Druck stehe, dass ich nicht mehr weiß, wie ich meine Arbeit schaffen soll und mein Chef tut nichts. Da muss etwas passieren“, sagte Heinzen.

Diakon Wolfgang Schmidt (Freie Wähler) machte Bürgermeister Jörg Lembke für die Misere verantwortlich. „Die Leute kündigen, der Krankenstand ist hoch und viele Stellen sind nicht besetzt, seit Sie Bürgermeister sind. Die Leute fühlen sich nicht wohl“, attackierte er den Verwaltungschef. Das mochte die Personalrätin so nicht stehen lassen und erklärte, dass die schlechte Stimmung weder mit dem Bürgermeister noch einer anderen Person zu tun habe, sondern Produkt einer langen Fehlentwicklung sei.

Die Kollegen hätten die Orientierung verloren, da Dienstvereinbarungen über 25 Jahre hinweg nicht reformiert und auf den Stand moderner Verwaltung gebracht worden seien. Es mangele deshalb an einer Führungskultur und an Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitern. Heinze sprach auch von hierarchischen Strukturen innerhalb der Verwaltung, die Frust auslösten, weil „Kollegen das, was sie erarbeitet haben, nicht selbst bis in die oberste Etage vertreten können“.

Dr. Inga Maria Vosgerau (FDP) plädierte dafür, die Verwaltung konzeptionell auf den neuesten Stand zu bringen, um Arbeitsprozesse zu verschlanken, die Produktivität zu verbessern und eine Umstellung in Richtung E-Government in die Wege zu leiten. Heinzen hielt dagegen, dass das Hauptamt derzeit weder technisch dafür ausgestattet noch personell in der Lage sei, diese Veränderungen aus eigener Kraft zu schaffen. Diese Aufgabe komplett an externe Firmen zu übertragen habe sich in der Vergangenheit aber auch als problematisch erwiesen. Die Umgestaltung müsse zwar mit fremder Hilfe, aber aus der Mitte der Behörde heraus gelingen.

Andreas Lehmann regte an, im Hauptamt eine zusätzliche Stelle zu schaffen, um dort für eine Entlastung zu sorgen. Das begrüßte dessen Leiter, Malte Schaarmann. Er wies aber auch darauf hin, wie schwierig es inzwischen sei, Personal zu bekommen. „Wir nehmen uns gegenseitig die Mitarbeiter weg. In Bad Oldesloe haben wir drei Verwaltungen – von Kreis, Oldesloe-Land und Stadt“, sagte Schaarmann.

Das bestätigte Bürgermeister Jörg Lembke im Gespräch mit den LN. Eine neu eingestellte Städteplanerin habe noch binnen der Probezeit gekündigt. Und eine Nachfolge für den zum Kreis gewechselten Bauamtsleiter sei auch noch nicht gefunden worden. „Wir hatten zwei Durchgänge, ohne Erfolg. Wir versuchen jetzt eine Interimslösung zu finden und hoffen, nach den Sommerferien mit der dritten Ausschreibung einen geeigneten Bewerber zu finden“, sagt er. Besetzt werden müssten aber nicht nur Positionen, die durch Kündigung oder Renteneintritt frei geworden seien. Um zukunftsfähig zu werden, gelte es auch, neue Stellen einzurichten, wie etwa für E-Government, Umsatzsteuer oder Personalentwicklung.

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