Vogelschießen: Spannend wie ein Krimi

Lübecker Nachrichten   28.06.2019

Noch nie war der traditionelle Wettbewerb der Oldesloer Schulen so nervenaufreibend

Die Schule am Masurenweg bildete den Anfang des Festumzuges. Für die Erstklässler ein aufregendes Erlebnis. FotOS. Susanna Fofana

Bad Oldesloe. War das ein Krimi um den goldenen Treffer beim Vogelschießen! Dicht umringt von Freunden, Verwandten, Mitschülern und anderen Schaulustigen gaben die Achtklässler aus den Oldesloer Schulen am Donnerstag ihr Bestes, um das dicke Tier seiner Federn zu berauben und letztlich ganz nach unten zu befördern. „Die wollen heute alle König werden“, sagte Hausmeister Michel Erdmann unter beipflichtendem Nicken seiner Kollegen aus den anderen Schulen. Sie sorgten wie jedes Jahr für den reibungslosen technischen Ablauf des großen Wettbewerbs und erkennen deshalb schon von Weitem, wer mit dem Willen zum Sieg nach der Armbrust greift.

Am Schießstand der Jungen, an dem es galt, einen hoch oben aufgehängten Vogel zu treffen, purzelten die Körperteile nur so herab. „Bei einzelnen Schüssen kamen fünf, ja sogar sechs Teile gleichzeitig herunter“, sagte Spielleiter Claus Cummerow begeistert. Das liege sicher zum einen an der großen Motivation der Schüler, zum anderen aber auch daran, dass für die Jungen drei neue Armbrüste mit höherer Schlagkraft als die alten angeschafft wurden. Schon gegen 11.30 Uhr hingen deshalb nur noch Vorder- und Hinterteil am Vogel. Letzteres schoss Lennart Mathies ab, Mathes Schäfer (beide Ida-Ehre-Schule) brachte gezielt den Kopf zum Absturz. Trommelwirbel dann, als der Rumpf mit einer Sollbruchstelle für den finalen Wettkampf um die Königsehren versehen worden war. Etliche Schüsse gingen daneben, bis Muslim Khizriev auf den Plan trat. Er fackelte nicht lange, legte an und schon brach das Tier in der Mitte auseinander und purzelte zu Boden.

Etwas verhalten, aber durchaus ernst gemeint beschwerten sich nebenan einige Mädchen, dass sie auch lieber nach oben schießen würden wie die Jungen, statt das Ziel aufliegend anzuvisieren. Gleichberechtigung gehe anders, meinten sie. Doch an diesem Reglement ließ sich ohnehin spontan nicht rütteln. Wie ihre männlichen Sportsfreunde legten auch die Schülerinnen einen rasanten Start hin. Schon in der ersten Runde räumten sie 20 von 50 Teilen ab. Mitunter musste aber auch der Schiedsrichter entscheiden, ob ein Treffer gegeben werden konnte oder nicht. Glück hatte da Anjali Steglich von der Schule am Masurenweg. Bei ihr brach nur ein Teil des Flügels ab. Da sich auf ihrer Hälfte die Nummerierung befand, heimste sie den Punkt ein.

So rasant und zielsicher alles begonnen hatte, das finale Stechen um das „Krönchen“ geriet zur wahren Nervenprobe. Patrone für Patrone landete im Off, streifte vielleicht vorher den Vogel, ohne ihn auch nur einen Zentimeter aus der Form zu bringen. Dann ein satter Schuss: fast krachend brach der Rumpf entzwei, hielt sich aber immer noch oben. Dutzende Versuche, ihm endgültig den Garaus zu machen, gingen ins Leere. Wieder und wieder legten die Schützinnen, angefeuert von ihren Freundinnen die Armbrust an – doch das Tier ließ sich nicht bezwingen. Ein zweites Mal gelang ein Treffer, fast wollte schon Jubel ausbrechen, da verharrte die stoische Figur im letzten Moment doch wieder in ihrer Position. Die Einzelteile hingen nur noch an wenigen Holzfasern. Bis Helene Töllner in der dritten Runde anlegte. Plumps, da lag er dann und tosender Beifall brach aus. Die 14-jährige Schülerin der TMS konnte ihr Glück kaum fassen. „Nein, geschossen habe ich noch nie. Ich betreibe Leichtathletik und reite eher“, sagte sie.

Wenig später eilte auch schon die Organisatorin des Vogelschießens, Sabine Prinz, herbei, um beiden Majestäten zu gratulieren. Mit bestickten Schärpen und königlichem Geschmeide dekoriert, posierten Muslim Khizreiev und Helene Töllner für ein Siegerfoto. „Noch nie war das Vogelschießen so spannend wie in diesem Jahr“, sagte Sabine Prinz beeindruckt.

Schon frühmorgens waren mehr als 3000 Schüler durch die Innenstadt gezogen. Blumenschmuck, Fähnchen und viele Deko-Ideen sorgten dafür, dass das wohl größte Kinderfest im Norden auch optisch ein Genuss war.

Muslim Khizriev und Helene Töllner haben das Vogelschießen 2019 in Bad Oldesloe gewonnen. Dorothea von Dahlen

Etliche Schaulustige hatten sich extra zeitig Plätze in der ersten Reihe vor den Oldesloer Cafés gesichert. Viele Oldesloer hatten sich zum Kindervogelschießen freigenommen, um den Festumzug nicht zu verpassen. Und dann natürlich vom Straßenrand aus ihren Kindern im Umzug zuzuwinken, sie zu fotografieren oder schnell noch ein Getränk oder eine Jacke nachzureichen. Mit dabei auch Ariane Boinot. „Mein großer läuft mit, er ist als Minion-Figur verkleidet.“

Die Schulleiter machten traditionell den Anfang des langen Zuges nach der Polizei-Spitze. Dann folgten das Vorjahres-Königspaar und die noch unversehrten bunten Holzvögel. Die Honoratioren der Stadt schlossen sich an. Danach waren die sieben Schulen an der Reihe. Ein großer Tag für alle!

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