Abgelehnt trotz freier Stellen

Lübecker Nachrichten   05.07.2019

Obwohl sie über Personalmangel klagen, sagten Oldesloer Behörden Quereinsteigerin ab

Daniela Timm aus Bad Oldesloe möchte nicht mehr pendeln und sucht wieder eine Stelle in ihrer Heimatstadt. Foto: Dorothea von Dahlen

Bad Oldesloe. Offene Stellen gibt es nach offiziellen Angaben in Stormarn wie Sand am Meer. Auch in Bad Oldesloe wird offenbar händeringend nach Personal gesucht. Das stimmte Daniela Timm optimistisch, endlich wieder eine Arbeit in ihrer Heimatstadt zu finden. Jüngste Veröffentlichungen, dass den Behörden in der Stadt das Personal ausgeht, machten der 44-Jährigen zusätzlich Mut. Also schickte sie Initiativbewerbungen an Stadt und Kreis. Doch das wollte einfach nicht fruchten.

„Ich hatte gelesen, dass überall Personal gesucht wird. Aber anscheinend werden nur ausgebildete Verwaltungsfachkräfte eingestellt“, sagt Daniela Timm frustriert. Von Bekannten weiß sie, dass die Stadt Henstedt-Ulzburg ihre Mitarbeiter auch aus der freien Wirtschaft rekrutiert. Deshalb versteht sie nicht, wieso sie bisher nur Absagen erhielt. „Ich habe schon in sehr vielen verschiedenen Bereichen gearbeitet und bin für alles Neue offen. Meine Devise ist: Man wächst mit den Aufgaben“, sagt die Oldesloerin. Als Berufsstarterin hat sie eine Ausbildung zur Rechtsanwalts- und Notarsfachangestellten absolviert, aber auch Erfahrungen in anderen Branchen gesammelt. So stieg sie ins Förderungsmanagement ein und arbeitete beim Energiekonzern E.ON in der Debitorenbuchhaltung. Zurzeit ist sie bei einem Dienstleistungsunternehmen in Hamburg beschäftigt, das Abrechnungen für Heiz- und Nebenkosten erstellt.

„Ich möchte in zehn, 20 Jahren nicht mehr täglich nach Hamburg zur Arbeit fahren müssen. Deshalb suche ich jetzt schon etwas Neues“, sagt die 44-Jährige. Dass es unter den 35 offenen Stellen in der Stadt Bad Oldesloe nicht eine gibt, in die sich jemand Externes einarbeiten könnte, vermag sie sich nicht vorzustellen.

„Es ist eine Fehleinschätzung, dass wir nur Leute aus dem Verwaltungsbereich einstellen. Wir freuen uns über jede Initiativbewerbung. Wer etwas sucht, sollte nicht lockerlassen“, sagt Bürgermeister Jörg Lembke. Innerhalb der Verwaltung gebe es tatsächlich Bereiche, die mit Mitarbeitern ohne entsprechende Fachausbildung besetzt werden könnten. Dies betreffe etwa das Bürgeramt oder ganz klassisch die Buchungsstelle. Doch dort seien gegenwärtig alle Stellen besetzt.

Großer Bedarf bestehe vielmehr in den Abteilungen, die einen relativ hohen Ausbildungsgrad erforderten. Dies betreffe etwa Positionen im gehobenen Dienst und solche, die nur mit Hochschulstudium besetzt werden könnten. Gesucht würden etwa Architekten, Ingenieure, Fachleute aus dem Baubereich, ein Archivar sowie IT-Experten. Durch die Gesetzesnovelle bedingt, dass Bad Oldesloe wie andere Kommunen ab 2021 in bestimmten Fällen zur Zahlung von Umsatzsteuer verpflichtet sei, müsse zudem ein Diplom-Finanzwirt gefunden werden.

Bei der Kreisverwaltung Stormarn hat nach Auskunft von Larissa Bebensee in den vergangenen Jahren durchaus eine Trendwende eingesetzt. „Die Zahl der Quereinsteiger ist enorm gestiegen. Aber das, was wir anbieten können, entspricht nicht immer den Erwartungen der Bewerber“, sagt die Fachdienstleiterin Personal. Für Bankkaufleute etwa gebe es Stellen in der finanziellen Buchhaltung, was allerdings mit Gehaltseinbußen verbunden sei.

Doch der Öffentliche Dienst biete auch einige Vorteile im Vergleich zur freien Wirtschaft. So gebe es ein sehr attraktives Gleitzeitsystem sowie sehr flexible Teilzeitmodelle. Auch Beschäftigungen innerhalb der Entgeltgruppe 5 seien für Externe geeignet, da nicht unbedingt ein Verwaltungsabschluss, dafür aber eine dreijährige kaufmännische Ausbildung Voraussetzung sei. Doch vakante Positionen gebe es unter den 50 Ausschreibungen, die der Kreis im ersten Halbjahr getätigt habe, auf dieser Basis nicht.

Spontane Anfragen, für die es zurzeit keine passende Stelle gibt, zur Seite zu legen, um die Absender noch einmal zu kontaktieren, wenn sich doch etwas ergeben sollte, das lässt sich offenbar nicht realisieren. „Wir haben im vergangenen Jahr 1225 Bewerbungen für freie Stellen und 424 für Ausbildungsplätze bearbeitet. Da sind Initiativbewerbungen noch nicht mit eingerechnet. Aufgrund des Arbeitsaufkommens ist es uns leider nicht möglich, diese Schreiben zu einem späteren Zeitpunkt zu berücksichtigen“, sagt die Fachdienstleiterin. Sie empfiehlt, die Plattform www.berufe-sh.de im Blick zu behalten oder den Newsletter des Kreises.

Dass sich Behörden stärker für verwaltungsfremdes Personal öffnen müssen, um auch perspektivisch noch handlungsfähig zu bleiben, hat ebenso der Städte- und Gemeindetag Schleswig-Holstein (SHGT) als Thema erkannt. „Beim gegenwärtigen Fachkräftemangel wird es immer schwieriger, die Stellen in Rathäusern und Kreisverwaltungen zu besetzen. Deshalb müssen auch vermehrt Quereinsteiger aufgenommen werden“, sagt Sprecher Jörg Bülow. Da jedoch auf vielen Positionen ein gewisses Grundgerüst erforderlich sei, um rechtlich gebundene Aufgaben versehen zu können, werde es demnächst spezielle Qualifizierungsangebote geben.

An der Verwaltungsakademie in Bordesholm werde derzeit an einem solchen Angebot gearbeitet. Geplant sei ein Basismodul, das entweder drei Wochen am Stück oder auch mit Unterbrechungen absolviert werden könne. Den Pilotlehrgang werde es bereits im Dezember geben, wobei das Kontingent an Teilnehmern logischerweise zunächst begrenzt sei.

Den Unterricht übernehme das haupt- und nebenamtliche Personal der Akademie. Unklar sei noch, ob es zum Abschluss der Lehrgänge eine Prüfung geben solle oder ob die Teilnehmer nur ein Zertifikat erhalten. „Wir sind schon gespannt, wie dieses Angebot von den Verwaltungen angenommen wird“, sagt der SHGT-Sprecher.

Das Personalproblem der Kommunen hinreichend lösen könnten aber auch solche Zusatzqualifizierungen nicht, räumt Bülow ein. „In den Bereichen IT und Bauen herrscht ein harter Konkurrenzkampf mit der freien Wirtschaft. Auch Sozialpädagogische Fachkräfte, Schulassistenten und Erzieher sind gefragt wie nie. Da stehen die Kommunen sogar untereinander im Wettbewerb um Personal“, so Bülow.

Dieser Beitrag wurde unter Presseartikel veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.