Der Kaffee duftete einst straßenweit

Lübecker Nachrichten   06.07.2019

Nach dem Krieg diente die einstige Rösterei des Oldesloer Fabrikanten Friedrich Bölck unter anderem als Kreisberufsschule – Heute ist das Haus in der Grabauer Straße Sitz des Stormarner DRK

Das Bölck-Gelände zwischen Grabauer und Lorentzenstraße in Bad Oldesloe: Die ehemalige Rösterei, heute die Zentrale des Stormarner DRK, ist in der Bildmitte zu sehen.  Fotos: lothar Kullack/DRK/HFR

Bad Oldesloe. Eigentlich war es eine Art recht frühes, analoges Amazon: Die Händler der Bölck-Werke zogen per Fahrrad von Haustür zu Haustür und boten Lebensmittel an. Zum Firmenimperium des Friedrich Bölck (1877-1940) gehörte auch eine große Kaffeerösterei in der Grabauer Straße 17, heute der Stormarner Sitz des Deutschen Roten Kreuzes.

Hier in der Grabauer Straße 17 laufen die Fäden für 700 hauptamtliche Mitarbeiter sowie 6000 DRK-Mitglieder aus zwölf Ortsvereinen zusammen. Da das Rote Kreuz in Stormarn nicht den Weg ging wie etwa in Segeberg und Pinneberg, wo man sich der Rettungsdienstkooperation in Schleswig-Holstein (RKiSH) angeschlossen hat, gehört auch der hauseigene Rettungsdienst zu den Aufgaben des Kreisverbandes. Daneben werden Kindertagesstätten und Altenpflegeeinrichtungen betreut. „Wir machen keine riesigen Gewinne, aber wir fahren auch keine großen Verluste ein“, sagt Udo Finnern, seit 25 Jahren Kreisgeschäftsführer des DRK. Was auch den Rotkreuzlern gewaltig zu schaffen mache, sei der Fachkräftemangel.

Mieter in der Grabauer Straße ist das Rote Kreuz bereit seit 30 Jahren. Bereits ab 1996 wurde der Dachboden ausgebaut und für die Verwaltung nutzbar gemacht, die bis dahin allein im ersten Obergeschoss untergebracht war. Außerdem beherbergte das Gebäude zuvor die Kreisbildstelle und die Fahrbücherei. Im Jahr 2003 kaufte das DRK schließlich das Haus vom Kreis Stormarn und baute es großzügig für die eigenen Zwecke aus, ließ zum Beispiel die Großgarage für den Bücherbus abreißen.

„Aber einige Traditionen haben wir bewahrt“, sagt Finnern. So hat das Treppenhaus schon vom Anstrich her den Charme der Industriebauten der 20er Jahre. Auch lässt das Rote Kreuz die alte Turmuhr unter dem Dachreiter regelmäßig warten. Die Uhr schlägt stets zur vollen Stunde, wird unten aber kaum gehört, da die Ortsdurchfahrt am Ring so verkehrsreich ist.

Diese Uhr gab es bereits zu Zeiten von Friedrich Bölck, der hier seine Kaffeerösterei einrichten ließ und im großen Gebäude gegenüber, heute die Theodor-Storm-Schule, seinen riesigen Kontorsaal. Bölck hatte nach einer Verwaltungslehre klein angefangen: In der Oldesloer Mühlenstraße hatte er 1907 ein Feinkostgeschäft eröffnet, das von Jahr zu Jahr zulegte. Die Hauptidee Bölcks, ein weit ausgelegtes Vertriebssystem für Margarine, erstreckte sich bald über das ganze Deutsche Reich und umfasste 1924 um die 68 Filialen. Produziert wurde die Margarine unter anderem in Bad Segeberg auf dem Gelände des heutigen Kaufland-Supermarktes.

Ein zweites großes Bölck-Standbein war der Handel an der Haustür. Anfangs mit Handkarren, später mit Fahrrädern zogen die Bölck-Händler von Tür zu Tür, unterstützt von ortsfesten Händlern, die für die Fahrradboten auch die Lagerhaltung übernahmen. Ein System, das großen Erfolg zeitigte – bis die Nazis es zerschlugen, denen der „Hausiererhandel“ ein Dorn im Auge war. Bölck, der zwar Unternehmer war, sich aber zugleich als Sozialist und Pazifist bekannte, wurde von den braunen Machthabern angefeindet, so dass er bald nach der „Machtergreifung“ auf alle unternehmerischen Tätigkeiten verzichtete und sich auf sein Herrenhaus Grabau zurückzog. Er starb 1940 bei einem Autounfall. Zu Bölcks frühen Zeiten duftete es in der 1926 entstandenen Rösterei also straßenweit nach Kaffee. Die ganze Umgegend, so kann man es auf alten Aufnahmen sehen, bestand aus Bölck-Gebäuden – bis hin zu Wohnhäusern für seine „Beamten“, wie man damals die Kontor-Angestellten nannte. Nachdem Bölck sich notgedrungen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, hatte er die Rösterei an den Unilever-Konzern verkauft, der das Gebäude nach dem Krieg aber nicht lange behielt, sondern an den Kreis Stormarn verkaufte.

Der richtete hier und gegenüber in der heutigen Theodor-Storm-Schule zu Beginn der 50er Jahre seine Kreisberufsschule ein. Dort, wo heute das Rote Kreuz residiert, gab es damals Werkstätten für Tischler und Maler, eine Schmiede sowie eine Bäckerei.

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