Innenstadt wird zur Schlemmermeile

Lübecker Nachrichten   27.07.2019

Frische Speisen und gezapftes Bier: Das schafft kein Online-Shop – Während der Einzelhandel in der Oldesloer City in die Knie zu gehen scheint, legt die Gastronomie kräftig nach

Die Fußgängerzone in Bad Oldesloe: In der Innenstadt boomt die Gastronomie. foto: Dorothea von Dahlen

Bad Oldesloe.  Kaum zu glauben: Viele kleine Klicks zeitigen große Wirkung. Auch die Oldesloer Innenstadt verändert sich mit dem Online-Handel. Viele Geschäftsinhaber klagen über Umsatzeinbußen, da Schuhe, Jeans oder Sportartikel bequem von der Couch aus geordert werden können. Nach einer aktuellen Studie des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung trifft der Strukturwandel mittelgroße Städte ins Mark.

Während der Einzelhandel dieser Tage schwer zu leiden hat, schießen in Bad Oldesloe aber gleichzeitig gastronomische Betriebe wie die Pilze aus dem Boden. Den Anfang machten zunächst neue Cafés an der Hude. Inzwischen gibt es auch am Markt und vielen anderen Plätzen in der Fußgängerzone draußen Sitzplätze für einen entspannten Klönschnack. Bad Oldesloe scheint sich von der Einkaufsstadt zur Schlemmerstadt zu entwickeln.

Der Wandel geht zum Teil mit einem Generationswechsel einher, wie es sich etwa bei der Übergabe der Gaststätte „Zur Mühle“ an die Betreiber der „Bar Laurent“ vollzogen hatte. Ein anderes Beispiel stellt der Kindermodeladen „B & K Baby-Paradies“ dar, der im Frühjahr seine Pforten schloss. Inhaberin Eva Bruszies hatte sich aus Altersgründen zurückgezogen, aber auch, weil der Einsatz, den sie im Laden zuletzt zeigte, in keinem Verhältnis mehr zum Umsatz stand. Sie musste feststellen, dass sich viele Leute bei ihr beraten ließen, die Ware aber letztlich doch im Internet bestellten. Eine Nachnutzung für ihren Laden ist aber schon in Sicht. Und wieder werden Kinder dabei eine Rolle spielen, wenn auch in anderer Form als bisher. Gültekin Kaya, Inhaber des benachbarten Cafés in der Hindenburgstraße, hat das Geschäft bereits angemietet, um zu expandieren. Die „Waffel-Time“, die er mit Ehefrau Esma betreibt, hat sich nämlich seit Eröffnung im Frühjahr 2018 zu einem beliebten Treffpunkt für Familien mit Kindern entwickelt.

Ein Café, in dem der Nachwuchs nach Herzenslust spielen kann, ist offensichtlich eine Marktlücke. Da der Platz im bisherigen Ladenlokal jedoch schon knapp wurde, kam das Angebot für eine Erweiterung gerade recht. „Wir werden hier eine große Spielecke mit kleinem Trampolin und Bällchenbad einrichten und später auch Geburtstagspartys für Kinder veranstalten“, sagt Gültekin Kaya. „Wir hätten nicht gedacht, dass unser Geschäft so ankommt. Im Internet haben wir nur gute Bewertungen.“

Leben ist auch in die leer stehende Filiale der Bäckerei Schmidt in der Hindenburgstraße eingezogen. Erneut hat ein Gastwirt die Nachfolge angetreten. Cevded Yildirim, seit 20 Jahren im Geschäft, hat die Bäckerei in das „Café Cervo“ mit großer Terrasse verwandelt. Auch hier gibt es Brötchen, doch kredenzt er in der Hauptsache kleine Speisen, bietet Frühstück und Mittagstisch an. Bis 2018 betrieb Yildirim noch einen Dönerladen gegenüber dem Kino und arbeitete anschließend in der Bäckerei Allwörden, um sich später selbstständig zu machen. „Ich finde Bad Oldesloe super. Man kann hier mit der Familie gut leben, ohne Sorgen zu haben, wenn die Kinder draußen spielen. Nicht so wie in Hamburg“, sagt der Vater von zwei Söhnen, der mit einer Deutschlehrerin verheiratet ist.

Ihren Appetit auf Sushi können die Oldesloer künftig ebenfalls stillen. Neben dem Oho-Kino eröffnet Bijaya Khadka das Restaurant „Koyaki“. „Das ist ein heiliges Gebirge in Japan. Der Name bedeutet wie frische Luft“, erzählt er. Der Gastronom ist bereits Inhaber des Restaurants „Tusbaki“ in Großhansdorf und hat nach eigenem Bekunden viele Jahre in Hamburg gearbeitet. Feinschmecker will er mit thailändischen Spezialitäten und 50 Sushi-Variationen überraschen, darunter auch Kreationen aus Königsfisch. „Man kann unserem Koch bei der Zubereitung auf die Finger schauen“, sagt Khadka und tätschelt Sushi-Meister Raj Bista die Schulter.

Fisch im Rohzustand serviert bald auch Manot Raya im einstigen Restaurant „Bosporus“ das „Koi-Sushi“. Seinen Vorgänger, Klaus Hauck, hat es an die Ostsee verschlagen. Er versorgt künftig Strandurlauber im Utspann in Kellenhusen mit Speisen und Cocktails.

Wie ein Fels in der Brandung bleibt dagegen das „Old Esloe“ bestehen. Das teilt jedenfalls Sanne Thomasch mit. Nachdem die Immobilie den Eigentümer gewechselt hatte, kursierten Gerüchte, dass nun auch die urige Kneipe verschwinden würde. „Ich mache weiter. Da gibt es gar kein Vertun“, sagt die Wirtin. Da hat sie wohl den richtigen Riecher: Online-Handel hin oder her, den gemütlichen Kneipenabend kann kein Internet ersetzen.

Fotos und Infos unter
www.LN-Online.de

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