Oldesloer Trinkhalme aus Reet

Lübecker Nachrichten   28.07.2019

Die Alternative zu Plastik – Das natürliche Material ist zu hundert Prozent abbaubar

Sven Bormann im Lager des Oldesloer Familienbetriebs, der die nachhaltigen Trinkhalme herstellt. Fotos: Bettina Albrod

Bad Oldesloe. Der Strohhalm hieß immer noch Strohhalm, als er schon längst aus Plastik war. Bald wird er seinen Namen wieder zu Recht tragen: Wenn ab 1. Januar 2021 der Beschluss der EU-Kommission in Kraft tritt, dass Einweg-Geschirr sowie Trinkhalme aus Kunststoff verboten sind, greift die Industrie nach dem letzten Strohhalm als natürliche Alternative. Trinkhalme aus Stroh, Bambus oder essbare Halme aus Apfeltrester oder Hartweizengrieß sind bereits auf dem Markt.

Jetzt kann man sein Getränk auch durch den Reet-Halm schlürfen: Aktuell bietet Tom Hiss, Chef eines Oldesloer Familienbetriebs, der seit 1833 mit Schilfrohr in Bad Oldesloe handelt, erstmals Trinkhalme aus Reet an, die biologisch abbaubar sind.

„Wir kommen eigentlich vom Dach-Reet“, erläutert Sven Bormann, zuständig für das Marketing des Unternehmens. „Seit Ende der 90er-Jahre sind wir dabei, neue Geschäftsfelder zu entwickeln.“ Der ökologische Anspruch war Unternehmer Tom Hiss damals schon wichtig, und so entstanden Naturbaustoffe für ökologische Dämmung in Form von Reetdämmplatten oder Akustik-Absorber aus Reet gegen den Hall in Büros. Auch das Thema Insekten wurde für das Unternehmen immer wichtiger. „2018 haben wir angefangen, für ein Schweizer Start Up-Unternehmen Insektenhotels aus Reet zu bauen.“ Die Reet-Röhrchen werden vorzugsweise von Wildbienen bezogen und zusammen mit deren Larven an Obstbauern verkauft, die für eine reiche Ernte auf die Befruchter angewiesen sind. „Durch die Insektenhotels haben wir uns immer mehr mit dem Schnitt der Halme beschäftigt“, so Bormann weiter. Als die EU-Vorgaben für Trinkhalme bekannt wurden, dachte sich der Unternehmer: „Wir haben doch Halme“ und begann zu experimentieren.

Am Anfang standen Roggen- und Weizenhalme, sagt Bormann, aber die seien zu dünn und zu brüchig gewesen. Danach habe Tom Hiss mit Schilfrohr experimentiert, das eine größere Wanddicke habe und dadurch stabiler sei. Allerdings ist die Länge der Halme durch die Wachstumsknoten im Rohr begrenzt. „Wenn man die Halme schält, innen putzt und dann ausbläst, hat man fertige Trinkhalme.“

Das Ergebnis sieht aus wie Makkaroni aus Vollkorn, nur dass die Röhrchen sich in Feuchtigkeit nicht auflösen. Die Rohr-Halme sind geschmacklich neutral, sodass sie zum Cocktail passen, wie zu Trinkwasser. Man könne sie nach dem Saugen reinigen und mehrmals wiederverwerten. „Sie vertragen sogar zwei bis drei Spülgänge im Geschirrspüler“, sagt Bormann.

Der Umweltschutzorganisation „Sea at Risk“ zufolge verbrauchen die 28 EU-Länder pro Jahr 36,4 Milliarden Strohhalme, das heißt, jeder Bürger verwendet in dieser Zeit 71 Stück. Den Experten geht es bei dem Verbot nicht nur um die Verschwendung fossiler Ressourcen. Plastiktrinkhalme werden aus Erdöl hergestellt. Es geht auch um gesundheitliche Bedenken, da bei der Herstellung von Plastikhalmen Zusatzstoffe wie Weichmacher, Stabilisatoren oder Flammschutzmittel hinzugefügt werden. Anders die Reet-Halme: Wenn sie ausgedient haben, könnte man sie auf der Terrasse einfach hinter sich werfen, denn Reet ist hundert Prozent Natur und kompostierbar.

„Wir haben uns die letzten Monate mit dem Herstellungsprozess beschäftigt und die Halme dann bei einigen Ständen auf der „Jazz Baltica“ angeboten. Die Nachfrage danach war groß“, hat Bormann beobachtet. Deshalb gibt es die Halme jetzt auch im Online-Shop, aber noch gilt das Prinzip „Von der Hand in den Mund“. Denn die Reet-Halme sind reine Handarbeit aus einer Manufaktur in Lübeck. Wenn die Nachfrage wachse, kündigt Bormann an, solle die Herstellung „in Maschinensprache übersetzt“ werden und die industrielle Fertigung der Halme beginnen. „Derzeit kostet ein Halm 30 Cent, das muss noch billiger werden, auch wenn man die Halme mehrmals verwenden kann.“ Die Konkurrenz ist groß, es gibt viele natürliche Produkte auf dem Markt. Deshalb gibt es auch keine Fördermittel, bedauert Bormann, der bei dem neuen Produkt dennoch zuversichtlich ist, zumal den Reet-Halmen nichts beigemischt wird. Die Reet-Halme sind einfach nur aus Reet. Das wächst bevorzugt in der Türkei und in Rumänien, wo das Oldesloer Unternehmen zwei Tochterfirmen hat und wo der Naturschutz weniger streng ist als in Deutschland. „Bei uns muss Reet zwei Jahre stehen bleiben, danach ist die Qualität nicht mehr so gut. Außerdem ist das Reet aus der Türkei sehr hart und deshalb gut für die Halme geeignet.“

Wer es gewohnt ist, auf seinem Trinkhalm herum zu kauen, sollte sich das allerdings abgewöhnen, denn davon geht jeder Halm kaputt. Ohne Zahnabdrücke ist der Reet-Halm privat mehrfach verwendbar. „Ob wir daraus etwas Größeres entwickeln, ist noch offen“, sagt Bormann, „aber damit haben wir eine Nische entdeckt.“

„Förderprogramme oder -Produkte, in denen die Verwendung natürlicher Produktionsstoffe von Unternehmen ausschließliches Ziel der Förderung ist, werden zur Zeit von der IB.SH noch nicht angeboten“, erklärt Harald Haase, Sprecher des Wirtschaftsministeriums in Kiel. Das Land SH vergebe aber seit 2009 alle zwei Jahre, zuletzt 2019, den Nachhaltigkeitspreis.

Darüber hinaus sei das Thema Nachhaltigkeit auf Landesebene ein Aspekt innerhalb des Förderprogramms „Energiewende und Umweltinnovationen“ – EUI. „Gefördert werden Vorhaben der experimentellen Entwicklung und industriellen Forschung, die zum Aufbau umweltfreundlicher Infrastrukturen beitragen“, steht auf der Seite des Wirtschaftsministeriums Schleswig-Holstein.

Wirtschaftsminister Bernd Buchholz begrüße das Engagement der Oldesloer Firma als sehr innovative und sympathische Idee, mit der dieses Mittelstandsunternehmen eindrucksvoll zeige, wie gut Ökonomie und Ökologie sich ergänzen können.

Ein Bündel Trinkhalme aus Reet.

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