Als die Trave noch regelmäßig Bad Oldesloe überflutete

Lübecker Nachrichten   18.10.2019

Renaturierung östlich von Bad Oldesloe hat bei älteren Bürgern Erinnerungen wach gerufen – Wulf Henning Reichardt hat diese für die LN aufgeschrieben

Trave-Hochwasser in Bad Oldesloe, hier die Kranbrücke: vorn links überschwemmter Garten, hinten rechts Gebäude der Hamburger Tapetenfabrik: hinten links und Mitte Häuser an der Lübecker Straße. fotos: Marfels/Kreisarchiv Stormarn

Bad Oldesloe. Im Sommer wurde in Anwesenheit von Schleswig-Holsteins Umweltminister Jan-Philipp Albrecht und Landrat Henning Görtz das beeindruckende Ergebnis der Renaturierungsmaßnahme der Trave bei Sehmsdorf vorgestellt. Sie basiert auf dem heutigen Wissensstand und ist eine erfolgreiche Weiterentwicklung, die von der Natur deutlich schneller angenommen wurde als vielfach vermutet.

Für uns als Kinder und Jugendliche war die Trave in ihrem alten Verlauf mit ausgewaschenen Uferböschungen und Sandbänken Erlebnisraum und Abenteuerspielplatz. Bei niedrigem Wasserstand konnte man an bestimmten Stellen die Trave sogar relativ sicher zu Fuß durchqueren. Stieg sie aber an, konnte sie recht gefährlich werden, besonders bei Hochwasser.

Das ging mir immer wieder durch den Kopf, als ich davon las, dass diese Renaturierungsmaßnahme vom Umweltminister locker als Rolle rückwärts bezeichnet wurde. Vermutlich war ihm nicht bekannt, dass die „Trockenlegung“ von Teilen der Oldesloer Innenstadt einer der wesentlichen Gründe der damaligen Maßnahme war und ist.

Vor mehr als 60 Jahren schlängelte sich die Trave vom Heiligen Geist teilweise entlang der Lübecker Straße bis zum Kleinen Kneeden. Die Idylle hatte nur einige deutliche Nachteile. Fast regelmäßig standen Teile der Stadt und der B 75 unter Wasser und die vorhandenen Brücken in der Innenstadt konnten den anwachsenden Verkehr nicht mehr bewältigen. Für die betroffenen Anlieger waren es ernste Sorgen, weil die Überschwemmungen auch Existenzen bedrohte. Dazu gehörten übrigens auch die beiden Oldesloer Betriebe Borowski & Hopp und Hako an ihren damaligen Standorten.

Das letzte große Hochwasser in den 1950er Jahren breitete sich von der Besttorstraße über den Heiligen Geist bis zur Lübecker Straße aus. Politik und Verwaltungen von Stadt, Land und Bund suchten deshalb nach einer Problemlösung, um den Standort Bad Oldesloe nicht zu gefährden und gleichzeitig damit entscheidende Grundlagen für die heutige Infrastruktur dieses wichtigen Verkehrsknotenpunkts zu schaffen.

Aus damaliger wasserwirtschaftlicher Sicht konnte nur eine Verbreiterung des Travebettes nach dem Zusammenfluss von Trave und Beste am Heiligen Geist Abhilfe schaffen. Da die Trave durch bebautes Gebiet entlang der Lübecker Straße floss, wurde der jetzige Verlauf gewählt und der alte Arm zugeschüttet. Darauf steht heute z.B. das Polizeigebäude. Seit der Fertigstellung des neuen Traveverlaufs hat es keine großen Überschwemmungen mehr gegeben. Im Zusammenhang mit dieser Maßnahme entstand übrigens auch der Berliner Ring mit der Travebrücke.

Löste man damit diese Probleme, traten sie an anderer Stelle auf und das waren die Überschwemmungsverlagerungen flussabwärts. Hätte man da nicht die Breite und Fließgeschwindigkeit des Flussbettes angepasst, wären die Wiesen in der Traveniederung von Sehmsdorf bis Reinfeld durch stärkere Überschwemmungen in Mitleidenschaft gezogen worden. Das wäre zu Lasten der dortigen Bauern gegangen. Darauf hatte sich der Umweltminister vermutlich bezogen, als er beim Besuch anmerkte, dass der Fluss im vergangenen Jahrhundert an vielen Stellen begradigt wurde, um landwirtschaftliche Flächen besser nutzen zu können.

Ein Plan zur Begradigung der Trave im Oldesloer Stadtgebiet, Zeichnung aus dem Buch „Oldesloe – Die Stadt, die Trave und das Wasser“ von Sylvina Zander. Sylvina Zander/Stadtarchiv Bad Oldesloe

Auch damals versuchte man, für die Flussbewohner Ruhezonen in den alten „toten“ Armen zu schaffen. Das war aber nicht so erfolgreich, weil der Durchfluss fehlte. Deshalb hat man bei Sehmsdorf nach langen Jahren den Versuch unternommen, den „toten“ Arm“ wieder zum Flussbett der Trave zu machen und den begradigten Verlauf nur bei Hochwasser zu nutzen.

Damit ist diese Maßnahme auch zu einem sehr guten Beispiel für die Politik und die heutige Diskussion geworden. Die Begradigung der Trave war ein erheblicher Eingriff in die Natur. Er wurde nach dem Wissensstand und der Technik von damals entschieden, um mehrere drängende Probleme zu lösen.

Die heutige Lösung muss vielem gerecht werden: die Trave lebenswert für die Flusslebewesen zu gestalten, aber auch für die Bürger und die übrige Natur und Bad Oldesloe vor Überschwemmungen wie früher zu bewahren.

Der Autor Wulf Henning Reichardt gehört der CDU Bad Oldesloe und dem Arbeitskreis Umwelt und Infrastruktur an.

Wie in Venedig: Die Menschen spazierten in der Besttorstraße über einen Holzbohlenweg.

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