Sechs Thesen zum Fachkräftemangel

Lübecker Nachrichten   23.10.2019

Keine neue Erscheinung, aber ein Thema, das immer mehr Unternehmen Sorgen bereitet – Einigkeit beim Oldesloer Wirtschaftsforum: Fehlen der Experten ist existenzbedrohend

Fragerunde beim Wirtschaftsforum: v.l. Anke Fuchs von der Krankenkasse IKK Nord, Patricia Siebel („Beruf und Familie im Hansebelt“), Larissa Bebensee von der Stormarner Kreisverwaltung, Holger Mahlke (Wirtschaftsvereinigung) und Moderator Can Özren von der IHK. mc

Bad Oldesloe. Beim zweiten Oldesloer Wirtschaftsforum am Montag im Kultur- und Bildungszentrum ging es um das Thema Fachkräftemangel. Knapp 90 Entscheider aus Wirtschaft und Politik zeigten sich nicht nur angetan vom offiziellen Teil, sondern nutzten den Abend auch zum stundenlangen Netzwerken. Denn zu besprechen gibt es viel.

Das geben immer mehr Unternehmen bei Umfragen der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Lübeck an. „Bis 2030 fehlen nach unseren Berechnungen allein in Schleswig-Holstein rund 100 000 Fachkräfte“, sagte Can Özren. Der IHK-Sprecher moderierte den Abend in Bad Oldesloe. „Das Problem ist also nicht mehr so abstrakt und weit weg wie vor zehn Jahren noch.“

Hintergrund: Die demografische Entwicklung schlägt dann erbarmungslos zu, es kommen zu wenige junge Fachkräfte nach. Für das Jahr 2026 gehen Prognosen davon aus, dass es dann erstmals weniger als 50 Millionen Menschen in Deutschland im Alter von 18 bis 65 Jahren gibt. „Und eine Zuwanderung von rund 200 000 Menschen pro Jahr ist da schon eingerechnet“, berichtete Ulrich Witt, Fachkräfteberater bei der IHK.

Ulrich Witt ging in seinem spannenden Vortrag auf Nikolai Kondratjew (1892–1938) ein, dem ersten Vertreter der zyklischen Konjunkturtheorie. Danach neige sich derzeit die IT- und Biotech-Welle ihrem Ende entgegen. „Die Hardware ist ausentwickelt, sie wird nicht mehr effektiver“, sagte Witt und nannte als Beispiel neue Smartphones, bei denen sich allenfalls das Datenvolumen ändere.

Der russische Wirtschaftswissenschaftler Kondratjew ging in seiner Theorie von einem Produktivitätsengpass am Ende jedes Zyklus’ aus. Übertragen auf die heutige Zeit sieht IHK-Berater Witt einen Engpass bei der Verarbeitung der Informationen. „Bei Youtube wird jeden Tag so viel hochgeladen, dass wir Jahrhunderte bräuchten, um alles zu verarbeiten.“

Die nächste Welle, die Wirtschaftswissenschaftler erwarten, wird Künstliche Intelligenz (KI) und Nachhaltigkeit überschrieben. Die KI sei jedoch noch nicht marktreif und werde auch keine Kreativität ersetzen können, so Ulrich Witt. Denn die Stärke des Menschen sei dessen emotionale und soziale Intelligenz. „Trotzdem wird sich die Arbeitswelt massiv verändern.“ Den Firmenchefs riet Witt, die Kommunikation zu ändern und die Kreativität der Mitarbeiter zu nutzen. „Binden Sie die Mitarbeiter früh in Entscheidungen ein! Schaffen Sie ein Umfeld, in dem die Mitarbeiter bleiben wollen!“

„Früher wollten die Jungen Kfz-Mechaniker werden und die Mädchen Friseurin, heute wollen alle Abitur machen“, sagte Björn Felder, Vorsitzender der Stormarner Kreishandwerkerschaft, und verwies auf eine bundesweite Imagekampagne und den Tag des Handwerks, mit dem auch in Stormarn erfolgreich geworben werde. Außerdem sei das Handwerk verstärkt auf Ausbildungsmessen und in Schulen vertreten, habe zudem mit der alljährlichen Einschreibungsfeier aller neuen Auszubildenden landesweit einen Akzent gesetzt.

In Zahlen heißt das: Jedes Jahr konnte die Kreishandwerkerschaft zuletzt im Schnitt zehn Prozent mehr Ausbildungsverträge als im jeweiligen Vorjahr abschließen. Felder: „In Schleswig-Holstein liegt der Durchschnitt bei 1,7 Prozent.“ Trotzdem wird in Stormarn weiter eifrig geworben, denn die Auftragsbücher sind aufgrund des Baubooms weiterhin voll. Björn Felder wünscht sich daher noch mehr Jugendliche, die zu ihren Eltern sagen: „Ich möchte eine Handwerkslehre machen.“

In einer Fragerunde auf dem Wirtschaftsforum beklagte Holger Mahlke, dass die großen Unternehmen in Bad Oldesloe zu wenige Praktikumsplätze zur Verfügung stellten. Mahlke ist 2. Vorsitzender der Wirtschaftsvereinigung und betriebt drei Hörakustik-Geschäfte im Kreis Stormarn. „Junge Leute müssen weit weg fahren für ein Praktikum und sind dann oft verloren als spätere Fachkräfte hier vor Ort.“

Er sieht aber auch die Schulen in Bad Oldesloe stärker gefordert. Es sei eine gemeinschaftliche Aufgabe, die Stadt als lebenswerten Ort zu erhalten. Die Wirtschaftsvereinigung regte eine gemeinsame Praktikumsbörse aller Arbeitgeber an.

Bad Oldesloe steht laut Bürgermeister Jörg Lembke (parteilos) vor einem Doppelproblem: Zum einen sei es schwierig, für die Stadtverwaltung Mitarbeiter zu finden. Zum anderen wolle man gute Rahmenbedingungen für Firmen und Familien schaffen.

Da es die Kreisstadt möglicherweise bald nicht mehr schaffe, genügend Kindergartenplätze vorzuhalten, regte Bürgermeister Lembke eine Zusammenarbeit mit den Unternehmen an. Der Bürgermeister denkt dabei nicht nur an Firmenkindergärten, sondern auch an einen gemeinschaftlichen Bau und Betrieb der Kitas – und stieß damit beim Wirtschaftsforum auf viele offene Ohren.

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