Erneute Debatte um Amazon

Lübecker Nachrichten   06.11.2019

Ansiedlung des Großkonzerns erregt weiter die Gemüter in Bad Oldesloe

Bad Oldesloe. Wie umgehen mit der Ansiedlung von Amazon im Oldesloer Gewerbegebiet Teichkoppel an der A 1? Darüber debattierten erneut die Mitglieder des städtischen Wirtschafts- und Planungsausschusses am Montagabend, erstmals unter der Leitung von Hartmut Jokisch (Grüne).

Nach dem ersten Schock und Diskussionen um Billiglöhne, prekäre Arbeitsverhältnisse und eine extreme Zunahme des Lkw-Verkehrs gucken die Kommunalpolitiker nun nach vorn und wollen mit dem Online-Versandhändler im Gespräch bleiben. Großen Einfluss hat die Stadt auch nicht auf die Ansiedlung, das Projekt wird privatwirtschaftlich von der Firma PHE gemanagt.

Wilfried Janson (Grüne) begrüßte die Nachhaltigkeitsstrategie des Großkonzerns zum Einsatz regenerativer Energien. Auch in Bad Oldesloe will Amazon viele Elektrofahrzeuge einsetzen, um die Pakete auszuliefern. „Leise und emissionsarm“, sagte Janson, „das ist vor allem wichtig bei Fahrten durch das Stadtgebiet zum Beispiel Richtung Bad Segeberg.“

Er wünscht sich zudem, dass das Unternehmen auf seinem etwa ein Hektar großen Lager eine Photovoltaikanlage installiert. Janson rechnete vor: „1000 Kilowatt peak ließen sich damit erzeugen. Alle Dächer in Bad Oldesloe kommen bislang auf 3000 Kilowatt.“ An anderen Standorten hat Amazon bereits Ähnliches realisiert, auch für Bad Oldesloe ist solch ein Riesen-Solardach im Gespräch. „Eine feste Zusage dafür gibt es jedoch noch nicht. Darüber entscheidet der Aufsichtsrat“, sagte der kommissarische Bauamtsleiter Kurt Soeffing.

Er verwies jedoch darauf, dass Amazon bis 2040 CO2 -neutral werden wolle. In Bad Oldesloe wolle das Unternehmen zudem eigene Ladesäulen bauen und im Umkreis von 100 Kilometern alle Fahrten mit Elektromobilen machen.

Auch Jens Wieck von der CDU hat hauptsächlich den Verkehr im Auge, sagt aber auch zu der ganzen Debatte: „Wir müssen uns alle an die eigene Nase fassen, weil wir alle immer mehr im Internet bestellen.“ Bei Amazon, bei Möbelhäusern oder Versandapotheken. „Wir bestellen morgens und wollen abends unser Paket haben“, so Wieck weiter. Da müsse man sich gar nicht wundern über mehr Lieferverkehr.

Jens Wieck sieht in Amazon eine Chance. Es gebe genug Oldesloer, die keine Möglichkeit fänden, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Oldesloe könne aber nicht die Rahmenbedingungen zum Beispiel in Sachen Mindestlohn bestimmen, da sei der Staat gefordert. Amazon will den avisierten 150 Mitarbeitern einen Brutto-Mindestlohn von 11,37 Euro zahlen.

Auch die SPD befürchtet nicht nur mehr Verkehr auf den Straßen von Bad Oldesloe, sondern fragt auch nach weiteren Folgen für die Stadt. Wie sieht die Nahverkehr-Anbindung aus? Muss neuer sozialer Wohnraum geschaffen werden? Und kommen höhere Sozialleistungen durch die sogenannten Aufstocker auf die Stadt zu? Annika Dietel sieht erheblichen Klärungsbedarf.

„Das ist alles schwer abzuschätzen“, entgegnete Bürgermeister Jörg Lembke (parteilos), rechnete aber vor: „Wer mit 1600 oder 1800 Euro brutto eine Familie ernähren muss, wird wohl Leistungen obendrauf bekommen müssen.“ Die FBO stellte zudem die Idee von Amazon-Betriebswohnungen in den Raum. FDP-Frau Anita Klahn reichte es dann. „Es wurde bisher in Bad Oldesloe kein Unternehmen so kritisch beäugt wie Amazon. Wie mag das wohl auf andere Firmen wirken, die sich hier vielleicht ansiedeln wollen?“, fragte die Liberale. Nicht mal das Krankenhaus verfüge über Betriebswohnungen. „Wir sollten uns freuen und fragen, was wir für Amazon tun können“, ergänzte Andreas Lehmann von der CDU.

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