Seltenes Urzeittier im Museum entdeckt

Lübecker Nachrichten   10.12.2019

Besonderer Fund in acht bisher unbekannten Kisten der paläontologischen Sammlung von Richard Wenck

Andreas Ahne (v. l.), Hans-Jürgen Lierl und Petra-Maria Schark präsentieren die neuen Funde im Heimatmuseum. FOTOS: BETTINA ALBROD

Der seltene Fund sitzt inmitten vieler Ammonitenarten.

Bad Oldesloe. Vor 180 Millionen Jahren lebte zur Zeit der Dinosaurier ein Tier namens „Whitbyceras pingue“ im Urzeitmeer. Der kleine Kerl sah aus wie eine Schnecke mit Tentakeln auf dem Kopf und war ein Urahn des Nautilus und damit eine Tintenfischart. Dass es ihn gab, weiß man nur, weil weltweit vier Gesteinseinschlüsse gefunden wurden, in denen der „Whitbyceras pingue“ überdauert hat. Einer davon ist jetzt im Heimatmuseum Bad Oldesloe wiederentdeckt worden. Er schlummerte in einer von acht Kisten im Bestand aus der Sammlung Richard Wenck, die jetzt erst zufällig gefunden wurden. Die Exponate des Fossiliensammlers Wenck aus der Ahrensburger Geschiebezeit, die wegen ihrer Qualität in Fachkreisen bekannt sind und derzeit in einer Ausstellung im Museum gezeigt werden, können nun um viele wertvolle Fundstücke ergänzt werden.

Erkannt hat das kostbare Fossil der geowissenschaftliche Präparator Hans-Jürgen Lierl, der in den 60er-Jahren an der Seite von Paläontologie-Professor Ulrich Lehmann in Hamburg gearbeitet hat. Lehmann gelang einst der Nachweis, dass der „Whitbyceras pingue“ wegen seines Schnabels und seiner Raspelzunge zu den Tintenfischen gehört. „Wir haben ein Werkzeug gesucht und sind dabei im Museum auf die Kisten gestoßen“, erläutert Lierl, der auf dem Etikett zu dem Kopffüßer seine Handschrift wiedererkannte. „Aus meiner Arbeit mit Professor Lehmann wusste ich gleich, worum es sich handelt.“ Das seltene Exemplar und viele andere schöne und große Stücke der Sammlung gerieten, in den Kisten gelagert, offenbar in Vergessenheit, denn niemand kann sich heute erklären, wieso sie seit den 80er-Jahren unentdeckt im Bestand lagerten. „Es sind ganz seltene Stücke dabei, die Prunkstücke haben wir damit erst im Nachhinein gefunden.“ Jetzt soll die aktuelle Ausstellung „Lebensspuren in Stein“ um besonders schöne Exemplare der versteinerten Kopffüßer (Cephalopoden) ergänzt werden.

Es wird jetzt untersucht, was sich noch in den Kisten der Sammlung befindet, die die ganze Erdgeschichte vom Kambrium (vor rund 500 Millionen Jahren) bis zum Tertiär (vor rund 60 Millionen Jahren) abdeckt. „Eigentlich ist die gesamte Sammlung schon dokumentiert und wissenschaftlich aufgearbeitet worden“, erläutert Museumsleiterin Petra-Maria Schark. Im Stormarner Jahrbuch 2020 sei gerade eine Arbeit dazu erschienen. „Doch nun kommen noch viele wertvolle Stücke dazu.“

Das seltene Fundstück hat seinen Namen nach der Stadt Whitby in Großbritannien, wo es einst gefunden wurde. Auch wenn der Ort als Ammoniten-Fundstelle bekannt ist: Lierl vermutet die Heimat des seltenen „Whitbyceras pingue“ in Italien. „Der einzelne Fund an der englischen Nordseeküste war wohl ein Irrläufer.“ Die versteinerten Urzeittiere wurden in der Legende der Heiligen Hilda zugeschrieben, die ein Kloster in Whitby leitete und angesichts einer Schlangenplage die Tiere in Stein verwandelt haben soll.

Bad Oldesloe wird durch die Sammlung in der Fachwelt bekannt. „Wir bekommen viele Anfragen“, betont Petra-Maria Schark, denn die Funde sind für die Wissenschaft interessant. Entstanden sind sie, weil die Urzeittiere einst von Toneisensteinböden eingeschlossen wurden, aus denen sich eine Steinschicht bildete. Die Geoden, Steinkugeln, wurden als Geröll von den Gletschern transportiert und vom Eis abgeladen. „Der Einschluss muss schnell erfolgt sein, denn die Tiere sind nicht verwest, teilweise sind noch die alten Perlmuttschalen erhalten“, sagt Lierl.

Zur Sammlung Wenck gehören darüber hinaus der Einschluss eines Wirbels eines Pliosauriers, der im Wasser lebte, und Beispiele von weiteren Kopffüßern. Richard Wenck, den Lierl kennengelernt und der ihn für seine Berufsfindung beeinflusst hat, war mit dem Hobby-Archäologen Alfred Rust befreundet und hat seit den 40er-Jahren Fossilien gesammelt.

Bereits 1984 hatte das Heimatmuseum unter der Leitung von Dr. Christoph Baumgarten einen Teil der Privatsammlung von Richard Wenck erworben und wiederholt Ammoniten ausgestellt. Die übrigen Schätze wurden seitdem im Heimatmuseum bewahrt und dort von Hans-Jürgen Lierl gesichtet und bestimmt. Museumsmitarbeiter Andreas Ahne will nicht ausschließen, dass die Kisten noch weitere Sensationen bergen. „Es ist sehr gut vorstellbar, dass wir noch viele interessante Exponate finden.“

Öffnungszeiten des Museums
Geöffnet ist das Heimatmuseum an der Königstraße in Bad Oldesloe am Sonntag von 11.30 bis 17 Uhr, freitags von 14 bis 16 Uhr, sonnabends von 10 bis 12 Uhr sowie nach Vereinbarung  unter Telefon 01 60/260 97 41. Der Eintritt ist frei.

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