Runder Tisch: Wohnungsnot verschärft Problem obdachloser Menschen

Lübecker Nachrichten   30.01.2020

Erstmals tagte in Bad Oldesloe ein Gremium aus Politik, Verwaltung und sozialen Trägern zum Thema Obdachlosigkeit

Von Dorothea von Dahlen

Ein Sorgenfall der Stadt: Die Obdachlosenunterkunft in Bad Oldesloe ist arg renovierungsbedürftig. Das Mittelgeschoss ist nicht nutzbar. Wertvoller Wohnraum geht verloren.foto: Dorothea von Dahlen

Bad Oldesloe. Das Schicksal Obdachloser wird in Bad Oldesloe sehr ernst genommen. Diesen Eindruck konnte gewinnen, wer die Premiere des Runden Tisches zum Thema im Bürgerhaus besuchte. Der Anstoß dafür kam aus der Politik. Cornelia Steinert, selbst Budget- und Schuldnerberaterin beim DRK Bad Oldesloe und für die Linke in der Stadtverordnetenversammlung, hatte dazu eingeladen, da im Bildungs, Sozial- und Kulturausschuss das Bedürfnis groß war, mehr über die Lage der Betroffenen zu erfahren. Der Einladung waren sowohl Mitarbeiter aus dem Bürgeramt der Stadt, einige Lokalpolitiker sowie Vertreter karitativer Einrichtungen gefolgt.

Den klassischen Obdachlosen, der mit Schlafsack und Einkaufswagen voller Plastiktüten durch die Fußgängerzone zieht, gibt es in Bad Oldesloe nicht, berichtete die städtische Sozialarbeiterin Beatrice Schmidt. „Niemand übernachtet hier unter der Brücke oder im Park. Da es hier keinen Träger der Wohnungslosenhilfe wie etwa die Heilsarmee gibt, bietet die Stadt kaum Chancen, in der kalten Jahreszeit zu überleben“, sagte sie. Für Durchreisende gebe es aber in der Tat ein Zimmer, das für eine Nacht zur Verfügung gestellt werde. Die Adresse teile auf Anfrage die Polizei mit. Ansonsten seien es in Bad Oldesloe eher an sich bodenständige Menschen, die aufgrund von Trennung, psychischen Erkrankungen, Brüchen in der Biografie oder aus finanzieller Misere ihre Wohnung verloren hätten. Ein einheitliches Bild zeichne sich aber nicht ab.

Für die derzeit 78 Personen ohne festen Wohnsitz, zu denen zwölf Familien mit Kindern gehören, gibt es nach Angaben von Bürgeramtsleiter Thomas Sobczak derzeit schon noch Unterbringungsmöglichkeiten. Doch der Bestand an Wohnungen sei durchaus am Limit, sodass nicht viel Spielraum bleibe. Der Markt sei zudem komplett überreizt. Selbst Stadtviertel wie Schanzenbarg oder Stoltenrieden, die vor zehn Jahren noch nicht gut angesehen waren, zählten inzwischen zu den bürgerlichen Gegenden, in denen es kaum freie Kapazitäten gebe. Genossenschaften wie die Neue Lübecker gäben ihren Leerstand mit 0,1 Prozent an. Die Stadt habe auf dem freien Wohnungsmarkt übrigens auch keine besseren Chancen, eine Wohnung anzumieten, ergänzte Beatrice Schmidt. Denn ausschlaggebend für den Eigentümer seien die Daten des späteren Bewohners. Er komme erst gar nicht in Betracht, wenn es bei ihm Schufa-Einträge, eine eidesstattliche Versicherung oder frühere Räumungsklagen gebe.

Letztere sind nach Angaben der Sozialarbeiterin erfreulicherweise seit einigen Jahren rückläufig. Das sei der guten Prävention des Netzwerks sozialer Beratungsstellen zu verdanken, die schon helfend eingriffen, bevor sich Mietschulden so auftürmten, dass sich eine Zwangsräumung kaum mehr abwenden lasse. Wie sich herausstellte, bietet das Projekt Wefi-Plus, ein Zusammenschluss von Therapiehilfe und Arbeiterwohlfahrt (Awo) mit ihren Sparten Sozialpsychiatrische Dienste und soziale Dienstleistungen, im Oldesloer Job-Center regelmäßig Beratungen an, also genau dort, wo viele Menschen in prekärer finanzieller Lage ein- und ausgehen.

Nicht unwesentlich hat offenbar auch der bisherige Gerichtsvollzieher Christian Moos dazu beigetragen, dass Zwangsräumungen überschaubar blieben. „Ich habe hier 37 Jahre gearbeitet und auch Hausbesuche gemacht, weil es besser ist, Kontakt zu den Menschen aufzunehmen. Heutzutage ist das nicht mehr gewünscht. Dabei hatte ich damals nur 20 Haftbefehle im Jahr, inzwischen sind es aber 15 im Monat“, erklärte Moos. Er gab an, Vollstreckungen auch so gestaffelt angesetzt zu haben, dass die Stadt nicht von zu vielen Obdachlosenfällen gleichzeitig überrascht worden sei.

Entwarnung könne ob dieser guten Nachrichten jedoch nicht gegeben werden, sagte Quartiersmanagerin Maria Herrmann, die Stadtteilarbeit im Oldesloer Hölk leistet. Sie verwies darauf, dass dort bei ständigen Eigentümerwechseln keine Mahnungen mehr herausgehen, dass bei einigen Bewohnern nun Mietschulden von 4000 bis 5000 Euro zusammenkämen. „Wenn die neue Gesellschaft rigide vorgeht, gibt es gleich 20 bis 30 Fälle von Obdachlosigkeit auf einen Schlag mehr“, sagte Hermann. Sie verwies zudem darauf, dass sich die Situation auf dem Wohnungsmarkt drastisch verschlimmern werde, wenn erst die letzten Sozialwohnungen aus der gesetzlichen Bindung herausfielen. Sobczak hatte zwar keine konkreten Zahlen parat, bestätigte aber, dass ein rapider Rückgang solch preiswerterer Wohnungen ins Haus stehe. Eigentümer seien in der jetzigen Lage nicht zwingend darauf angewiesen,günstig zu bauen und hätten wenig Neigung, das komplizierte Antragsverfahren zu durchlaufen.

In etwa zwei Monaten soll sich der Runde Tisch erneut zusammenfinden, um das Thema zu vertiefen. Der genaue Termin wird noch bekannt gegeben.

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