Busstreik sorgt für Verkehrschaos vor der Schule

Lübecker Nachrichten   26.02.2020

Der Streik trifft auch die Oldesloer Schulen – Eltern organisieren Mitfahrgelegenheiten –  Die Lage zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern bleibt angespannt.

Der Busstreik verursachte in der Mittagszeit ein Verkehrschaos vor der Schule am Masurenweg in Bad Oldesloe.Foto: Dorothea von Dahlen

Bad Oldesloe. „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will“ – dieses alte Kampflied des Arbeitervereins von anno 1864 wurde dieser Tage buchstäblich umgesetzt. Wie im gesamten Land lassen auch in Stormarn sämtliche Busfahrer der Unternehmen Autokraft, Ahrensburger Busbetrieb und Dahmetal die Zündschlüssel stecken. Da sich im Tarifstreit mit den Arbeitgebern keine Einigung finden ließ, sind sie in Streik getreten, und das fast für eine ganze Woche.

„Wir befinden uns in einer kritischen Situation. Deshalb haben wir zu diesem Mittel gegriffen“, erklärt Karl-Heinz Pliete, Verhandlungsführer der Gewerkschaft Verdi. Gemeinsam mit zwölf Fahrern aus Stormarn und Herzogtum-Lauenburg hatte er sich frühmorgens zum Streikposten am Busdepot der Autokraft in Bad Oldesloe eingefunden. Der Verband der privaten Omnibusunternehmen habe angedroht, am kommenden Freitag nicht am Verhandlungstisch zu erscheinen. „Für uns ist das schwierig, weil wir uns nicht unter Druck setzen lassen wollen“, fährt Pliete fort. Deshalb sei beschlossen worden, den Arbeitsausstand auf vier Tage auszudehnen.

Einen Kilometer Luftlinie entfernt nähert sich ein Pkw der Schule am Masurenweg (SaM). Am Heck prangt der Aufkleber „Zickentaxi“. Heraus springen Nina Langkabel mit Tochter Kira (7). Mitgekommen ist ihr gleichaltriger Schulfreund Matthes, der ebenfalls in Rethwischfeld wohnt. „Als wir hörten, dass die Woche kein Bus mehr fahren wird, habe ich mich mit seinem Papa über WhatsApp verständigt“, sagt die Mutter. Ein Stück weiter parkt Michael Götze aus Travenbrück. Auch er hat befreundeten Eltern angeboten, eine Fahrgemeinschaft zu bilden, damit die Kinder pünktlich zum Unterricht kommen. „Nachmittags nehme ich vier mit nach Hause. Meine Frau fährt drei Kinder“, erzählt der Mitarbeiter einer Handelskette. Er musste wie viele andere Eltern seine Schicht so legen, dass der Schülertransport klappt. Auf dem Lande funktioniere das Miteinander sehr gut, sagt er. Weniger Verständnis hat er allerdings für den Streik. „Ich weiß nicht, ob das so angebracht ist. Das ist Jammern auf hohem Niveau“, sagt er.“ Im Vergleich zu anderen Branchen verdienten die Fahrer nicht mal wenig.

Mit 50 Prozent Schülern aus den umliegenden Dörfern ist die Oldesloer SaM in der Tat am ärgsten betroffen vom Ausfall der Busse. Die Zahl jener Jungen und Mädchen, die dem Unterricht deshalb ganz fern bleiben müssen, hält sich laut Schulleiter Sascha Plaumann aber mit zehn Entschuldigungen in Grenzen. „Bei 760 Schülern ist das verschwindend gering. Als hilfreich hat sich erwiesen, dass der Streik vorher angekündigt wurde. Bis jetzt ist ein Verkehrschaos ausgeblieben“, sagt der Schulleiter noch am Morgen. Doch da wusste er noch nicht, wie sich die Dinge entwickeln werden.

Schon gegen 12.40 Uhr stehen Kolonnen von Elterntaxis Schlange im Masurenweg. Je näher der Zeiger gen 13 Uhr rückt, schließen weitere Wagen auf. Inzwischen wird in zweiter Reihe geparkt. Wer zu forsch in die Straße einbiegen will, muss umständlich zurücksetzen. Zwei bis drei Autos teilen sich den Platz auf einer der sieben Bushaltestellen. Denn sie werden ja ohnehin nicht angefahren. Doch weit gefehlt. Gegen 13.05 Uhr rollt der Bus 8146 mit Fahrtrichtung Seefeld heran, den ein Subunternehmen einmal am Tag hin und zurück bedient. Jetzt heißt es für einige Eltern: Schnell raus aus der Parklücke. Doch die Fahrbahn ist verstopft von anderen wartenden Autos. Alle sind genervt. Nichts geht vorwärts. Eine halbe Stunde bis dreiviertel Stunde dauert es, bis sich der Stau aufgelöst hat. Schulleiter Plaumann und seine Mitarbeiter eilen in Schutzwesten herbei und sorgen dafür, dass kein Kind zwischen den Autos zu Schaden kommt.

Zu den Unternehmen, die auch während des Streiks einige Linien in Stormarn befahren, gehört neben der Stambula GmbH mit Sitz in Hamburg auch die Segeberger Mit-Reisen Touristik GmbH. „Uns fragt niemand, was wir vom Streik halten. Die Gewerkschaft sagt zwar, es sind nur zwei Euro mehr die Stunde. Aber letztlich ist es eine Lohnsteigerung von 13 Prozent“, sagt deren Geschäftsführer Marc Berg verärgert. Als rein private Firma, die nicht den Hauptauftrag für die Personenbeförderung innehabe, sondern nur einige Linien als Subunternehmer befahre, sei es Mit-Reisen gar nicht möglich, die Kostensteigerung auszugleichen, wenn es zu der von Verdi geforderten Lohnsteigerung komme. „Wir können das nicht auffangen. Das wären für uns 150 000 Euro mehr im Jahr“, sagt Berg. Das liege im System begründet. Bei der Ausschreibung des ÖPNV trachteten Städte und Kreise stets nach dem günstigsten Angebot, sodass an dieser Stelle schon Dumping von den Unternehmen betrieben werde, um überhaupt den Zuschlag zu erhalten. Der Hauptauftragnehmer wiederum decke aber nicht das ganze Spektrum ab, sondern vergebe manche Fahrten an Subunternehmer und das zu ungünstigeren Konditionen. Hinzu komme, dass sich der Preis für die Personenbeförderung am alljährlichen bundesweiten Preisindex orientiere. Zum einen kämen dabei regionale Kostensteigerungen nicht zum Tragen, sondern höchstens ein Ausgleich von drei bis vier Prozent. Zum anderen schlage dieser auch erst ein Jahr verspätet zu Buche, sodass kleine Busunternehmen tatsächlich in die Knie gingen.

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