Hoher Krankenstand zwingt zu Kita-Schließzeiten – Eltern in Not

Lübecker Nachrichten   04.03.2020

Der Konflikt ist programmiert: Während die Kita Stoppelhopser ihre Mitarbeiter vor weiteren Überstunden schützen will, wissen Mütter und Väter nicht, wohin mit ihren Kindern

Von Dorothea von Dahlen

Bad Oldesloe. Die Personalsituation an der Stormarner Kita ist äußerst angespannt. Exemplarisch dafür hat es jetzt eine etwas turbulente Elternversammlung in der Kita Stoppelhopser gGmbH am Steinfelder Redder gegeben. Mütter und Väter kritisierten, dass es seit Beginn des Kita-Jahres längere Schließzeiten einzelner Gruppen gab. Unter diesen Umständen sei die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht mehr gewährleistet.

„Wir sehen die langen Schließungen als große Herausforderung in privater, aber auch familienpolitischer Hinsicht. Uns bleibt nichts anderes übrig, als eine ersatzweise Betreuung zu finden oder der Arbeit fernzubleiben, was einen Lohnausfall zur Folge hat“, sagt Elternvertreterin Sonja Schmidtmann. Besonders schwierig sei dies, wenn die Absage ganz kurzfristig komme. Es gehe nicht darum, den Träger oder die Leitung der Kita an den Pranger zu stellen, sondern andere Elternvertreter und die Politik wachzurütteln.

Aus Sicht des Trägers stellt sich die Situation ebenfalls belastend dar. Laut Kita-Geschäftsführer Carsten Geyer sind seit August vergangenen Jahres mehrere pädagogische Fachkräfte wegen länger andauernder Krankheiten oder Schwangerschaften ausgefallen. „Allein bis Januar 2020 hatten wir 232 Fehltage bei 15 Beschäftigten. Das ist so viel, wie sonst in einem ganzen Jahr zugrunde gelegt wird“, erklärt er. Wenn eine Kita versuche, den Betrieb dennoch so aufrecht zu erhalten, dass nach außen hin nichts zu spüren sei, dann müsse das restliche Personal dieses Defizit ausgleichen.

Auf diese Weise seien nun 625 Überstunden aufgelaufen, 41,7 Stunden pro Mitarbeiter. Selbst die Leitung sei eingesprungen, um die kranken Kollegen zu vertreten, obgleich sie eigentlich andere Aufgaben wahrnehmen müsse. In den Monaten Januar, Februar laufe die Anmeldephase für neue Kita-Kinder, da sei besonders viel Arbeit in der Verwaltung zu erledigen.

„Wenn sonntags bei uns um 17 Uhr das Telefon ging, war meine Frau schon richtig in Sorge, wer denn jetzt schon wieder krank war“, berichtet Carsten Geyer. Eine Zeit lang seien die Kollegen für die anderen in die Bresche gesprungen und hätten funktioniert, ohne dass nach außen hin aufgefallen wäre, dass alle „schon auf dem Zahnfleisch gingen“.

So einen Zustand will der Kita-Geschäftsführer aber nicht zur Regel werden lassen. „Es gibt ein Gerichtsurteil, dass Mitarbeiter mindestens vier Tage zuvor wissen müssen, wie ihr Dienstplan aussieht. Im Notfall kann das mal abweichen, sollte aber nicht zur Gewohnheit werden. Zum Schutz unserer Mitarbeiter sind wir deshalb dazu übergegangen, Gruppen zu schließen. Wir wollen das Personal ja nicht ausbeuten“, erklärt Geyer.

Seine Ankündigung, dass Schließungen nach Inkrafttreten der Kita-Reform ab August womöglich noch regelmäßiger an der Tagesordnung seien, hatte bei den Eltern das Fass zum Überlaufen gebracht. Doch auch in dieser Beziehung stellt sich Geyer vor seine Mitarbeiter. Das neue Gesetz besage, dass Kinder in den Elementargruppen genauso wie im Krippenbereich künftig von zwei Fachkräften betreut werden. „Es wird ausdrücklich betont, dass beide nur mit der Arbeit am Kind beschäftigt sein dürfen, also keine von ihnen parallel ein Elterngespräch führen darf“, erklärt der Geschäftsführer.

Die Architekten der Kita-Novelle haben ihm zufolge überhaupt völlig außer Acht gelassen, dass Ausfall- und Verfügungszeiten, wie etwa Elterngespräche, Teambesprechungen, Supervision in der Gruppe oder Qualitätsmanagement, Teil der eigentlichen Arbeit in einer Kita sind. Die Oldesloer Politik habe dies zum Glück schon erkannt, nachdem es vor fünf Jahren einen Runden Tisch zu diesem Thema unter Moderation der einstigen evangelischen Pastorin Eva Rincke gegeben habe. Die Stadt zahle seitdem für die Verfügungszeiten in den Kitas. Diese Situation habe große Ähnlichkeit mit der Finanzierung von Schulsozialarbeit, Kosten, die letztlich an der Kommune hängen blieben, weil das Land sich aus der Verantwortung ziehe.

Doch die Angelegenheit ist noch komplizierter. Wie Geyer darlegt, ist er als Träger und Arbeitgeber zur Einhaltung gesetzlicher Auflagen verpflichtet, die sich so gar nicht einhalten ließen. „Wenn ich aufgrund von Krankheitsfällen nicht in der Lage bin, die Betreuung mit zwei Fachkräften zu gewährleisten, müsste ich eigentlich Gruppen schließen. Doch aus Landessicht ist das nicht zulässig, weil es dann heißt, der Träger erfüllt die Leistung nicht“, erklärt Geyer. Stellvertretend für das Land sei der Kreis in diesem Fall gehalten, das dafür erhaltene Geld von der Stoppelhopser gGmbH zurückzuverlangen, obwohl er den Mitarbeitern während der ersten sechs Krankheitswochen den Lohn fortzahlen müsse.

„Wir sind im konstruktiven Gespräch mit dem Träger und hoffen, dass es gelingt, die Fehlzeiten besser aufzufangen“, sagt Elternvertreterin Sonja Schmidtmann. Letztlich sei es ein Zeichen dafür, dass an den Kita zu wenig Erzieher beschäftigt seien.

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