Betrachtungen zum Wochenausklang: Virus-Frust und Frauenpower

Stormarner Tageblatt  14.03.2020

Stormarner Wochenschau

Virus-Frust und Frauenpower

Patrick Niemeier und Stephan Poost

Absage I Wenn kleine örtliche Vereine nun reihenweise Veranstaltungen absagen, haben sie das gleiche Problem wie die großen Veranstalter: Sie bleiben auf einem Großteil der Kosten sitzen, wie die Feuerwehr Todendorf, die angeboten hat, die Karten für die Schlagernacht mit den „Dorfrockern“ gegen Erstattung zurückzunehmen. Wer Karten hat, der sollte sich mal überlegen, ob er das Eintrittsgeld nicht seiner Feuerwehr, seinem Sport- oder sonstigen Verein einfach überlässt. Das bringt keinen in finanzielle Not, hilft aber den ganz kleinen Veranstaltern, die unsere Nachbarn sind und die auch nach Corona wieder Feste mit uns feiern wollen!

Absage II Was gesundheitlich logisch und konsequent klingt, ist nicht nur für Veranstalter, sondern auch für viele Musiker, Schauspieler, und Co. eine Katastrophe. Die Absagenwelle trifft die gesamte Branche – und vor allem die freiberuflich Tätigen. Denn noch sind finanzielle Folgen und Ausfallregelungen nicht absehbar. Man kann jetzt ja allerdings nicht an jeden freischaffenden Musiker oder Schauspieler spenden, der einem sympathisch ist. Was man aber machen kann: CDs, LPs, Merchandise dieser Künstler kaufen oder Eintrittskarten nicht zurückgeben, wenn die Events verschoben oder abgesagt werden – natürlich nur, wenn man sich das finanziell erlauben kann. Die aktuelle Krise wird den Veranstaltungs- und Kulturbereich nachhaltig über Monate, wenn nicht Jahre beschäftigen.

Sympathisch 44 Mädchen und Frauen versehen bei der Feuerwehr Glinde ihren Dienst. Das ist eine Top-Quote und Ergebnis eine Handelns, dass schon seit den 1990er Jahren in Glinde Raum greift. Aber besonders sympathisch ist doch der Satz, den die Gruppenführerin Bianka Bohn sagte: „Bei der Glinder Feuerwehr kommen wir auch ohne gendergerechte Sprache klar.“ Also keine Symbolik mit Sternchen, Strichchen und ähnlichen Spielereien, sondern gelebte Kameradschaft zwischen Frauen und Männern. Vorbildlich.

Statistik Da wird der Fokus bei den Unfallzahlen in den vergangenen Jahren immer wieder auf die älteren Verkehrsteilnehmer gelenkt. Dabei scheinen doch eher die jungen Fahrer unbelehrbar. So weist die Polizeistatistik eine Zunahme der Unfallzahlen junger Fahrer (18-24 Jahre alt) um 14,5 Prozent aus, die der Senioren (ab 65 Jahre) um 6,5 Prozent. Absolut sind über 65-jährige Fahrer zwar in mehr Unfälle verwickelt (230 Unfälle, davon 136 mit Personenschaden), als junge Fahrer (174 Unfälle, davon 120 mit Personenschaden). Aber die Zahl der älteren Fahrer ist ja auch wesentlich höher. Das weist die Statistik allerdings nicht aus.

Schulproblem Corona sorgt gerade dafür, dass die Schulen in den nächsten Wochen vor den Osterferien schließen müssen. Es ist eine Chance zu schauen, wie digitale Medien besser für Bildung und Unterricht eingesetzt werden. Ein kleiner positiver Nebeneffekt in dem ganzen Chaos sozusagen. Denn ein Punkt wird immer klarer. Das aktuelle Schul- und Bildungssystem hat ein Problem und es wird viele neue Ideen geben müssen, wie man das alte System grundlegend überarbeitet. Das Ganztagsschulsystem und G12 haben mehr Probleme für die Gesellschaft mit sich gebracht als Vorteile. Schüler, die bis spät am Nachmittag in Bildungseinrichtungen sind, denen Hobbys und eine selbstständige Entwicklung in der Freizeit verwehrt wird, sind nicht die Lösung. Vereine leiden unter höherem Schulstress und dem Zeitdruck, unter den Schüler geraten. Ein Alarmzeichen ist die steigende Zahl psychischer Auffälligkeiten, Depressionen oder Burn out in jungen Jahren. Dass das keine Fiktion ist, zeigt der jüngste Ruf nach mehr Schulsozialarbeitern in der Kreisstadt. Aber statt immer nur mehr Sozialarbeiter die Symptome bekämpfen zu lassen, muss man die Gründe für die Probleme angehen. Und das heißt, das aus vorherigen Jahrhunderten übernommene Schulkonzept und -system grundsätzlich zu hinterfragen. Experten wie der renommierte Hirnforscher Gerald Hüther oder der Pädagoge Arno Stern rufen seit Jahren dazu auf, Wissensvermittlung und Bildung neu zu denken. Das Ziel müsse sein, die Menschen nach ihren individuellen Talenten zu bilden und nicht möglichst maximal für den Arbeitsmarkt anzupassen. Kinder und Jugendliche würden durch das aktuelle System in ihrer Entwicklung eher gehindert als ausreichend gefördert.

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