Wenn 111 Betten plötzlich leer bleiben

Stormarner Tageblatt  14.04.2020

Die Herbergseltern Mi-Young und René Petzold sind fast ganz allein in ihrem sonst quirligen Haus

Die Oldesloer Jugendherberge musste vorübergehend geschlossen werden, aber René Petzold möchte  die Türen bald wieder öffnen.
Die Oldesloer Jugendherberge musste vorübergehend geschlossen werden, aber René Petzold möchte die Türen bald wieder öffnen. Foto: Susanne Rohde

Susanne Rohde Bad Oldesloe Bis Anfang März war für René Petzold die Welt noch in Ordnung. Doch dann häuften sich die Anrufe und Mails in seinem Büro in Bad Segeberg. Es geht um Formulare und Buchungen, Verträge und Vorauszahlungen. „Seit zwei bis drei Wochen haben wir nur noch Absagen und Stornierungen am laufenden Band. Und inzwischen müssen wir den Gästen auch selbst absagen, weil wir ja schließen mussten. Rund 4000 Übernachtungsbuchungen sind schlagartig weggebrochen. Das ist jetzt eine höchst prekäre Situation“, sagt René Petzold, der zusammen mit seiner Frau Mi-Young seit vielen Jahren die Jugendherberge in Bad Segeberg betreut. Und seit vier Jahren sind sie auch die Herbergseltern in Bad Oldesloe, der einzigen Jugendherberge in Stormarn.

S eitdem haben wir die Oldesloer Jugendherberge in gutes Fahrwasser gebracht. Mit fast 11.000 Übernachtungen pro Jahr waren wir hier endlich wieder wirtschaftlich“, erzählt der 47-Jährige, der mit seiner Frau und dem 13-jährigen Sohn Leo in der Jugendherberge in Bad Segeberg lebt.

In die beliebte Oldesloer Jugendherberge wurde kürzlich noch mal kräftig investiert. Und eine neue Brandschutzanlage wurde angeschafft. „Wir hatten neue Konzepte eingebracht und Rekordzahlen von 12.000 Übernachtungen pro Jahr im Blick. Unser Team war hoch motiviert, aber das ist ab dem 12. März alles ins Rollen gekommen“, klagt René Petzold, der Mitte März beide Jugendherbergen schließen musste. Ob sie nach den Osterferien wieder eröffnet werden können, steht in den Sternen. Als Herbergseltern sind die Petzolds wie Unternehmer tätig, auch wenn sie beim Landesverband Nordmark des Deutschen Jugendherbergswerks angestellt sind. „Die Jugendherberge ist kein Ganzjahresgeschäft, deshalb sind die Übernachtungszahlen elementar wichtig für uns“, betont René Petzold. Doch die brechen gerade in atemberaubender Geschwindigkeit weg. „Bis Sommer fallen alle Klassenfahrten aus und eventuell wird es das ganz Jahr über auch keine schulischen Fahrten mehr geben. Und da auch fast alle Großveranstaltungen gecancelt wurden, bleiben die Gäste aus“, so Petzold.

So werden die 111 Betten in der Herberge wohl vorerst alle leer bleiben – und das ausgerechnet im Jubiläumsjahr, das groß gefeiert werden sollte. Denn vor genau 111 Jahren hatte Richard Schirrmann, ein Lehrer aus Altona, erstmals die Vision einer Jugendherberge. Seitdem gibt es bundesweit mehr als 450 Jugendherbergen, die vom Deutschen Jugendherbergswerk, einem gemeinnützigen Verein mit rund 2,5 Millionen Mitgliedern, betrieben werden. Am Prinzip der Jugendherberge hat sich auch nach über 100 Jahren nichts geändert, denn sie steht für Toleranz, Inklusion, Völkerverständigung und Weltoffenheit. Hier können alle Menschen unabhängig von Herkunft und Geldbeutel die Welt entdecken und ihren Horizont erweitern.

„Wir verstehen uns als Gastgeber und Dienstleister, die nett und cool sind, vor allem für die Kinder und Jugendlichen. Früher gab es Erbsensuppe mit Würstchen, jetzt haben wir Büfett, was auch mal vegan ist“, so der sympathische Herbergsvater. Und während es früher Nachfragen nach Bettwäsche gab, gilt inzwischen die erste Frage der jungen Gäste dem W-Lan in der Herberge. „Wir wollen hier das Rad aber ein bisschen zurückdrehen, also weg vom Handy, denn hier zählt doch vor allem das Gemeinschaftsgefühl“, betont René Petzold.

D ie laufenden Kosten rennen dem Herbergspaar inzwischen davon, denn die summieren sich jetzt sehr schnell. Ein bis zwei Monate könne man finanziell noch überbrücken, aber dann werde es dramatisch. „Ganz wichtig ist unser tolles, bestens eingespieltes Team mit insgesamt zehn festen Kräften, das schon seit vielen Jahren bei uns arbeitet. Das wollen wir behalten, denn so gute Mitarbeiter bekommt man nicht so schnell wieder“, sagt René Petzold. Dazu gehört auch Bufdi Tim, der in der Jugendherberge momentan allein die Stellung hält. Für den Großteil des Teams musste jetzt Kurzarbeit beantragt werden. „Wir wissen nicht, wohin die Reise geht, aber wir sehen es als unsere Aufgabe, jetzt weiter zu denken und optimistisch zu bleiben. Irgendwann geht auch diese Krise mal zu ende!“

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