Bad Oldesloe im Zeichen der Schutzmaske

Lübecker Nachrichten   30.04.2020

Die LN hörten sich um, wie die Passanten mit der neuen Verordnung umgehen

Von Dorothea von Dahlen

Alina Classen und ihr Freund Martin Fischer in der Bad Oldesloer Fußgängerzone. „Wenn es hilft, dass sich ältere Menschen nicht anstecken, machen wir gern mit.“Foto: Dorothea von Dahlen

Bad Oldesloe. Wer noch vor ein paar Monaten seine Hausbank mit Gesichtsmaske betrat, hätte riskiert, dass irgendwann Handschellen klicken. Der zur Vorbeugung von Corona geltende Mundschutz fällt allerdings nicht unter das Vermummungsverbot, wie die Sprecher der Kreditinstitute mit Filialen in Stormarn einhellig versichern. Deshalb können auch Florian Groth und seine Verwandten am Mittwoch in der Oldesloer Innenstadt ohne Scherereien Geld vom Konto abheben. Die Reinfelder haben sich schon vor längerem Masken nach identischem Muster schneidern lassen, sie aber erst jetzt zum Shoppen aufgesetzt.

„Das Tragen von Mundschutz bei uns ist zwar nicht zwingend in der Anordnung des Landes enthalten, aber in dieser besonderen Situation steht die Gesundheit unserer Kunden im Vordergrund“, sagt Björn Lüth, Sprecher der Sparkasse Holstein. So sieht es auch Karsten Voß, Vorstand der Volks- und Raiffeisenbank Stormarn. Anders als in Hamburg, wo der Mundschutz für Kunden auch in Kreditinstituten Pflicht sei, basiere er in Schleswig-Holstein auf Freiwilligkeit. Den Mitarbeitern sei das Tragen im Übrigen schon seit März empfohlen worden.

Am ersten Tag der neuen Regelung, Mund und Nase in Geschäften, Bussen und Bahnen zu bedecken, scheint noch nicht überall klar zu sein, was das für Konsequenzen hat. Auf dem Wochenmarkt herrscht jedenfalls Verwirrung. „Wir leisten hier viel Aufklärungsarbeit. Viele Leute sind verunsichert“, sagt Sonja Lauschke vom Fischgeschäft. Das Kuriose sei, dass nicht in allen Stormarner Städten dieselben Regeln herrschten. Auf dem Bargteheider Wochenmarkt etwa sei das Tragen der Masken Pflicht, in Bad Oldesloe bestehe das Ordnungsamt nicht darauf.

„Bei uns brauchen Sie den Mundschutz nicht!“ Ein paar Stände weiter belehrt Thomas Wilken vom Hofladen am Kneeden eine ältere Dame. Das lässt sich diese nicht zweimal sagen und reißt sich die am Ohr befestigte Maske förmlich ab. „Die Hitze darunter ist ja wahnsinnig“, klagt sie. Ein junges Paar mit Hund dagegen hat den Mundschutz selbst beim Bummeln durch die Fußgängerzone nicht abgelegt. „Wenn es hilft, dass sich ältere Menschen nicht anstecken, machen wir gern mit“, sagt Alina Classen.

Zum ersten Mal überhaupt hat Karen Marx ihr Kosmetikinstituts Karisma für Laufkundschaft geöffnet. Neben Pflegeartikeln bietet sie Damenmode sowie „Schnutendeckel“ in Kommission an. „Leider dürfen wir ja immer noch nicht wieder unseren eigentlichen Beruf ausüben“, sagt sie. Dabei gehörten Kosmetikerinnen und Friseure, die ab 4. Mai wieder öffnen dürften, artverwandten Branchen an. „Es sitzen wohl zu viele Männer in der Regierung“, fügt die Geschäftsfrau spöttisch hinzu. Geöffnet habe sie jetzt nur, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Die Pacht und andere Auslagen decke das bei Weitem nicht.

Ein Kommen und Gehen herrscht vis-à-vis bei Daniela Frackmann. Nur drei Kunden gleichzeitig dürfen in ihre „Machbar“. Deshalb stehen die Leute draußen Schlange. Bei ihr gibt es die Masken in allen möglichen Formen und Farben. Mitte März, als sie ihren Do-it-yourself-Laden schließen musste, begann sie mit dem Schneidern. Inzwischen hat die Manufaktur Züge von Fließbandarbeit angenommen. 200 bis 300 Masken fertigt sie pro Woche. „Ich bin aber superdankbar, dass ich überhaupt arbeiten kann. Das rettet mich“, sagt Frackmann. Nach ihren Erfahrungen haben sich die Ansprüche der Kunden an den Mundschutz mit der Zeit verändert. „Zu Beginn war jeder froh, überhaupt eine Maske zu bekommen, jetzt legen die Leute Wert darauf, dass das Design stimmt und zur übrigen Kleidung passt“, berichtet die Ladeninhaberin.

Am Oldesloer Bahnhof warten Martina Jung und ihre Hündin „Ronja“ auf den Bus Richtung Lasbek. In der Hand hält sie eine selbst gehäkelte, mit Stoff eingefasste Maske parat. „Leider beschlägt sie immer, weil ich eine Brille trage“, sagt sie, streift das gute Stück beim Einsteigen aber sofort über. Mitjam Rossol, der mit dem Regionalzug nach Ahrensburg will, kennt das Problem nur zu gut. Beim Schleifen musste der Malerlehrling von jeher eine Schutzmaske überziehen. Schon nach kurzer Zeit sieht er nur noch Nebel.

„Ich halte das alles für großen Blödsinn. Seit Januar grassiert das Virus bei uns. Und erst jetzt sollen wir Masken aufsetzen?“, entrüstet sich wiederum Manuel Nasemann. Mustafa Al-Attar dagegen nimmt diese Pflicht ernster. „Ich studiere Bauingenieurwesen und habe keine Lust, drei Wochen wegen einer Erkrankung auszufallen“, sagt er und wendet sich dem Ausgang zu.

Abschiedsszene auf Gleis 1: Thorsten Key und Corinna Alten schicken ihren Sohn auf die Reise nach Bayern. Kurz vor dem Einsteigen schiebt der junge Zeitsoldat die Maske ins Gesicht. Am Zielort wird er eine Schießübung absolvieren und gleich wieder zurückkehren. Wegen der Ansteckungsgefahr darf er nicht in der Kaserne in Bayern bleiben.

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