„Wir sind alle verunsichert“

Stormarner Tageblatt  06.05.2020

Jens Reimann betreut mit seinem 18-köpfigen Pädagogen-Team seit Montag wieder 40 Kinder in der Kita Wichtelhausen

Mit schwerem Werkzeug hantiert Jens Reimann, um den Außenbereich der Kindertagesstätte  zu unterteilen. Seit Montag herrscht hier an der Sehmsdorfer Straße wieder reger Betrieb. ssi
Mit schwerem Werkzeug hantiert Jens Reimann, um den Außenbereich der Kindertagesstätte zu unterteilen. Seit Montag herrscht hier an der Sehmsdorfer Straße wieder reger Betrieb. ssi

Sascha Sievers Bad Oldesloe Ein Vorschlaghammer gehört nicht zu den gängigen Arbeitsutensilien von Jens Reimann. Besondere Umstände aber erfordern besondere Maßnahmen. Und so packt der 54-Jährige entschlossen zu und rammt mit dem wuchtigen Werkzeug ein Stück Holz in den Boden. Von Zuhause hat Reimann ein altes Lattenrost mitgebracht und es in seine Einzelteile zerlegt. Sie dienen als Halterung für das rot-weiße Absperrband, das er um das Holz wickelt. Wenig später hat der Leiter der Kindertagesstätte Wichtelhausen das Außengelände so in vier Bereiche unterteilt.

Es ist die letzte Maßnahme, die noch getroffen werden musste. Denn seit Montag herrscht wieder reger Betrieb auf dem Gelände des DRK an der Sehmsdorfer Straße in Bad Oldesloe.

Steter Griff zum Desinfektionsmittel

Seit Anfang der Woche dürfen 40 der 105 Kinder, die Reimann mit seinem 18-köpfigen Pädagogen-Team betreut, wieder täglich kommen. Zu Beginn der Corona-Krise waren es nur eine Handvoll in der Notbetreuung gewesen. Schrittweise will die Bundesregierung nun anhand eines Vier-Stufen-Plans Kitas wieder öffnen und stellt damit Reimann vor neue Herausforderungen.

Bislang hatten die Erzieher in zwei Teams gearbeitet, um sicherzustellen, dass bei einer Infektion mit dem Corona-Virus nicht die gesamte Belegschaft in Quarantäne muss. Gefährdete Personen waren im Homeoffice, mittlerweile sind fast alle wieder in der Einrichtung im Einsatz. „Wir haben durch die Heimaufsicht des Kreises die Genehmigung erhalten, jetzt acht Kinder pro Gruppe zu betreuen“, erklärt Reimann. Bedingung: Es muss gewährleistet sein, dass sich die Situation in Bezug auf die Kontaktminimierung und die Hygienestandards nicht verschlechtert. „Wir haben Maßnahmen getroffen, die über die normalen Anforderungen hinausgehen“, verspricht Reimann.

Alle sechs Gruppen verfügen über einen eigenen, überdachten Zugang, dort finden die Übergaben der Eltern statt. Im Bewegungsflur oder in der Turnhalle darf sich jeweils nur eine Gruppe aufhalten. Jede Gruppe hat ihren eigenen Wasch- und Wickelraum. Gemeinschaftsräume sind nach Benutzung für 72 Stunden gesperrt. Regelmäßig wird zum Desinfektionsmittel gegriffen.

„Wir versuchen, die Infektionsgefahr so gering wie möglich zu halten“, sagt der 54-Jährige, der bereits im Januar das Händeschütteln verboten hat, als Corona in Deutschland noch kein Thema war. „Man muss vorausschauend denken“, sagt Reimann, und es klingt, als sei die Gefahr damit gebannt. Ist sie allerdings nicht. Das weiß auch der Vater einer 13-jährigen Tochter und eines 16-jährigen Sohnes, der zwar betont, keine Angst vor dem Virus zu haben, „aber natürlich sind wir alle verunsichert, weil wir zu wenig wissen.“

Die psychische Belastung für das Personal sei enorm. Je mehr Kinder kommen, desto größer sei die Angst, sich zu infizieren. Und doch dürfen sich die Pädagogen nichts anmerken lassen, um den Kindern im Alter zwischen neun Monaten und sechs Jahren einen unbeschwerten Aufenthalt zu ermöglichen. „Wir sind gefährdeter als Menschen, die in der Altenpflege oder in Krankenhäusern arbeiten“, so Reimann. „Wir können uns ja nicht schützen.“ Abstand zu Kindern zu halten, sei unmöglich, genau wie das Tragen von Schutzkleidung oder Masken.

Kinder bekommen sehr wohl mit, was in ihrem Umfeld los ist“, weiß der Sozialpädagoge, der mit seiner Familie in Lübeck lebt. Diese Tatsache bereitet ihm Kopfzerbrechen: „Kinder haben eigene Ängste, bekommen aber auch die der Eltern mit, die um ihren Arbeitsplatz oder ihre Existenz bangen.“ Die seelischen Folgen könnten ähnlich traumatisch sein wie durch soziale Isolation, wenn Eltern Arbeit und Kinderbetreuung nicht unter einen Hut bekommen. „Ich befürchte deshalb, dass nicht nur auf uns Pädagogen, sondern auf die gesamte Gesellschaft große Herausforderungen zukommen.“ Reimann und sein Team geben Hilfestellungen. „Wir verschicken etwa unsere Wichtelpost per Mail.“ Darin enthalten: Videos, Buchlesungen oder Basteltipps mit Alltagsgegenständen. „Wir machen auch Beratungsangebote oder führen Krisengespräche mit Eltern, die ihre Kinder nicht in die Betreuung geben dürfen.“ Er rät Müttern und Vätern kreativ zu sein: „Auch der Fernseher darf mal laufen, am besten aber sollte das Kind sinnvoll beschäftigt werden.“

Klare Forderung an die Politik

Wer im Homeoffice arbeitet und Kinder betreut, hätte es oft besonders schwer. „Eine klare Abgrenzung ist erforderlich, auf keinen Fall sollte man mit dem Kind auf dem Schoß arbeiten. Am Wichtigsten aber ist die ,Quality Time’, also ein bestimmter Zeitraum am Tag, der vollständig dem Kind gewidmet ist“, sagt Reimann und bittet gestresste Eltern, telefonisch Kontakt zur Einrichtung zu halten: „Wir haben ein erfahrenes Team, das immer ein offenes Ohr hat.“

Ein offenes Ohr wünscht sich Reimann von der Politik, die keinen Kontakt zur Basis pflegt. „Wir werden vor vollendete Tatsachen gestellt und nicht in Entscheidungsprozesse einbezogen. Wir bräuchten mehr Vorlaufzeit, um auf Veränderungen reagieren zu können“, sagt der Sozialpädagoge, der dann vielleicht auch nicht mehr zum Vorschlaghammer greifen müsste…

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