Archivarin Celina Höffgen hütet jetzt Oldesloes Schätze

Lübecker Nachrichten   10.07.2020

Die 30-Jährige bereichert die Archivarbeit in der Kreisstadt mit frischen Ideen.
Wie sie überhaupt zu dem Beruf kam und welche Pläne sie hat, erzählt sie im Gespräch mit den LN.

Von Dorothea von Dahlen

Räumt richtig auf: Die neue Leiterin des Oldesloer Stadtarchivs Celina Höffgen (30) in der Videobox. Fotos: Dorothea von Dahlen

Bad Oldesloe. Einmal Geschichte schreiben, wer möchte das nicht? Ums Schreiben im wörtlichen Sinne geht es bei der Aktion „Videobox“ zwar nicht, doch nutzen bereits viele Oldesloer die Chance, einmal in die Annalen der Stadt einzugehen. Vor laufender Kamera schildern sie ihre persönlichen Erfahrungen mit der Corona-Krise. Sämtliche Beiträge, die so mittwochs während des Marktreibens in der kleinen Kabine am Kultur- und Bildungszentrum (KuB) entstehen, fließen in den Bestand des Oldesloer Stadtarchivs ein. Mit dieser innovativen Idee ist der neuen Leiterin, Celina Höffgen (30), ein beachtenswerter Einstieg gelungen.

„Die Videos dokumentieren, wie die Leute mit der Pandemie, die ja ein einschneidendes Ereignis ist, umgehen. Das Material kann später für Ausstellungen verwendet oder in einen Dokumentarfilm zum Thema eingebaut werden“, sagt die junge Archivarin. Quer durch alle Altersgruppen hätten sich Oldesloer bereits beteiligt.

Dabei lasse sich schon ein Trend erkennen: Kinder erlebten den Corona-Lockdown eher als Abenteuer, vermissten nach einiger Zeit aber auch ihre Schulfreunde. Senioren dagegen bereite die Ansteckungsgefahr eher Angst, da sie einem höheren Risiko ausgesetzt seien. Berufstätige seien von existenziellen Nöten geplagt. Nach wie vor besteht offenbar großes Interesse daran, weitere Videos zu sammeln. So trägt sich die Archivarin mit dem Gedanken, abgesehen vom festen Termin am Mittwoch von 9 bis 12 Uhr am KuB, mit der Videobox vor Schulen oder auch Seniorenheimen Station zu machen.

Doch besteht Höffgens Aufgabe nicht allein in spektakulären Veranstaltungen wie dieser. Aktenschleppen und sinnvoll in den Bestand einzuordnen, ist mindestens genauso wichtig, um die Geschichte der Stadt abzubilden und zu bewahren.

Abgesehen davon, dass nach einer gewissen Zeit etwa von der Verwaltung abgeschlossene Bauakten oder auch Sitzungsprotokolle aus dem politischen Alltag der Stadt auf ihrem Schreibtisch landen werden, so weiß die Archivarin schon jetzt, dass ihr auch Sterbe- und Geburtsurkunden zur sicheren Verwahrung anvertraut werden. „Dieser Teil des Archivs ist immer sehr beliebt. Urkunden wie diese werden oft zur Familienforschung oder aber zur Ermittlung rechtmäßiger Erben angefordert“, erzählt Celina Höffgen.

Sichtlich mit Stolz erfüllt die junge Verwaltungsangestellte, dass die erste Urkunde der Stadt aus dem Jahre 1365 stammt. Den historischen Schatz weiß sie wohl verwahrt hinter einer dicken Panzertür, sicher gelagert in einer Truhe, die ungünstige Witterungseinflüsse möglichst von ihm fernhält.

Denn Feuchtigkeit oder gar Fraßspuren sind der Horror eines jeden Archivleiters. Zudem handelt es sich um das älteste Dokument, mit dem Celina Höffgen während ihrer Arbeit überhaupt zu tun hatte. „Ich habe schon einige Stationen durchlaufen – im Naturkundemuseum in Potsdam beispielsweise oder dem Goethe- und Schillerarchiv in Weimar. Dort durfte ich mit Briefen der Schriftsteller aus dem 18. Jahrhundert arbeiten“, berichtet sie. Ihre Aufgabe war es, die meist in Sütterlin verfassten Texte in moderne Schrift zu übersetzen.

Das Anwachsen großer Dokumentenberge stellt über die inzwischen fast 18 Jahrhunderte zählende Stadtgeschichte hinweg aber auch ein Problem dar: Der Platz im Oldesloer Archiv ist begrenzt. Umso wichtiger ist das pragmatische Bewerten und Aussieben des Materials. „Ich muss beurteilen, was für die Nachwelt unbedingt erhalten bleiben muss und was überflüssig ist. Das ist immer eine Einzelfallentscheidung“, erklärt Celina Höffgen. Massenhaft Reisekostenabrechnungen aufzuheben sei beispielsweise sinnlos. Wohingegen die Gründungsurkunde der Theodor-Storm-Schule, die ihr ganz aktuell überreicht worden sei, einen überaus wertvoller Zugang für den Bestand darstelle.

Als wichtiges Fernziel ihrer Arbeit betrachtet Celina Höffgen die Digitalisierung der historischen Unterlagen. Und das aus zweierlei Gründen. „Zum einen geht es darum, dass der Zustand der Dokumente je nach Qualität des verwendeten Papiers oder der Tinte mit der Zeit leidet, in digitalisierter Form aber erhalten bleibt. Zum anderen können die wertvollen Originale so einem größeren Nutzerkreis von jedem Ort aus zugänglich gemacht werden“, sagt die Expertin.

Das sei aber noch Zukunftsmusik. Wie Bad Oldesloe stehe derzeit noch die Mehrzahl der Kommunen vor dieser großen Aufgabe. Schließlich koste es viel Zeit, das Material einzuscannen. Die ganz alten, kostbaren Urkunden, meist im Überformat, ließen sich überdies nicht im eigenen Hause bearbeiten.

Ein Praktikum in der Bibliothek der Fernuniversität an ihrem Heimatort Hagen weckte schon in der Schülerin das Interesse an der Dokumentation und Aufbereitung von Medien, auf dass sie einem großen Nutzerkreis zugänglich werden. „Mir wurde dort ein Ausbildungsplatz angeboten. Das war sehr spannend. Im dritten Lehrjahr habe ich schon kurzfristig die Leitung übernommen und nachher Archivwissenschaften in Potsdam studiert“, berichtet Celina Höffgen.

Kopfarbeit am Schreibtisch allein füllt die inzwischen in Hamburg lebende 30-Jährige jedoch nicht aus. Sport und Bewegung sind für sie ein perfekter Ausgleich. „Nach dem Jumping Fitness fühle ich mich jedes Mal rundum gut“, sagt sie.

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