Ein Stolpern gegen das Vergessen

Stormarner Tageblatt  27.08.2020

Bad Oldesloe bekommt einen zweiten Stolperstein: Er erinnert an SPD-Mitglied Robert Kersten, der 1945 im KZ ermordet wurde

Erinnern an  Robert Kersten:  Bürgermeister Jörg Lembke (v.l.) , Ilse Siebel,  Miriam Huppermann und Torben Klöhn (SPD).Nie
Erinnern an Robert Kersten: Bürgermeister Jörg Lembke (v.l.) , Ilse Siebel, Miriam Huppermann und Torben Klöhn (SPD).Nie

Patrick Niemeier Bad Oldesloe Ein unscheinbares Dokument in Beamtendeutsch aus dem Jahr 1945 – eine Todesbestätigung aus dem Konzentrationslager Neuengamme – ist eines der wenigen Zeugnisse, die von Robert Kersten geblieben sind. Ab 1. September wird jetzt ein Stolperstein vor seiner ehemaligen Wohnung am Kirchberg 4 an den Oldesloer erinnern.

Über 75.000 dieser quadratischen Messingtafeln mit eingravierten Lebensdaten hat der Kölner Künstler Gunter Demnig mittlerweile europaweit verlegt – überall dort, wo Menschen einst lebten, die dem Nazi-Regime zum Opfer fielen.

Der Stein für Kersten ist der zweite seiner Art in der Kreisstadt. Der erste wurde für Hans Wöltje vor der Hindenburgstraße 49 vor zehn Jahren gesetzt. Wöltje war von den Nazis ermordet worden, weil er der Glaubensgemeinschaft Zeugen Jehovas angehörte.

Kerstens „Verbrechen“, das am Ende sein Todesurteil war, erscheint aus heutiger Sicht ähnlich trivial. Bevor er nach Bad Oldesloe zog, hatte er sich in Stralsund politisch engagiert – zunächst in der kommunistischen KPD, dann in der sozialdemokratischen SPD. In seiner Wahlheimat Bad Oldesloe trat Kersten allerdings gar nicht mehr politisch in Erscheinung. Er lebte als eher unscheinbarer Bürger am Kirchberg mit seiner Lebensgefährtin. Er arbeitete für die Gas- und Lichtwerke, später als Stadtbote. Offenbar wurde er in den Krieg geschickt, denn er galt als Kriegsinvalide. „Viel mehr war über ihn nicht herauszubekommen“, berichtet Ilse Siebel von der Bad Oldesloer SPD-Ortsfraktion, die sich für die Stolpersteinsetzung für den ehemaligen Parteigenossen stark gemacht hat. „Wir sind auf seine Biographie gestoßen, als wir eigentlich nach einem Namensgeber für einen Jugendcouragepreis suchten“, erklärt sie.

Kersten musste sterben, weil nach dem gescheiterten Attentat auf Diktator Adolf Hitler am 22. Juli 1944 die Gestapo bei der „Aktion Gewitter“, als Rache ehemalige Mitglieder sozialdemokratischer, kommunistischer und liberaler Parteien verhaften ließ. Für Kersten bedeutete das, dass er ins Konzentrationslager Neuengamme verschleppt wurde. Sein Tod wurde seiner Lebensgefährtin schließlich mit der im kühlen Tonfall und einer absurden Todesursache – einer Magen-Darmkrankheit, die nur Kinder bekommen – verfassten Todesbestätigung mitgeteilt.

Die Stolpersteine dienen dazu, den oft unglaublich erscheinenden Todesstatistiken der Nazizeit Gesichter zu geben. Sie zeigen, dass viele der damals Ermordeten ganz normale Mitbürger waren. Am 1. September um 16 Uhr wird der Stein am Kirchberg 4 verlegt. Auch Nachfahren von Kersten, die heute in Meddewade leben, werden dann mit dabei sein.

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