Bahnhofs-Aufzüge seit Monaten außer Betrieb

Lübecker Nachrichten   19.11.2020

Rollstuhlfahrer und ältere Menschen haben große Probleme, zu den Bahnsteigen zu kommen – Abhilfe soll es erst im Februar geben

Von Dorothea von Dahlen

Während Radler ihren Drahtesel noch schultern und treppab laufen können, sind Rolli-Fahrer aufgeschmissen. Foto: Dorothea von Dahlen

Bad Oldesloe. Ein arg beschäftigter Maulwurf in Monteurskluft schiebt schwere Fracht vor sich her. Darüber steht der Spruch: „Vorsicht, ein neuer Aufzug naht heran.“ Schilder wie diese prangen derzeit überall an den Bretterverschlägen, mit denen die meisten Aufzüge im Oldesloer Bahnhof eingehaust sind. Bahnreisende, die auf einen Rollstuhl angewiesen oder stark geh- oder sehbehindert sind, haben deshalb eine schwere Zeit. Sie müssen sich darauf einstellen, entweder gar nicht oder nur mit einem großen Umweg zum gewünschten Bahnsteig zu gelangen. Prekär ist die Lage folglich auch für ankommende Passagiere. Denn bis auf den mittig im Tunnel befindlichen Lift, der zu den Gleisen 6 und 7 führt, sind alle weiteren zurzeit nicht nutzbar – einer seit dem 8. Juni, der andere immerhin seit dem 18. Juli. Doch auch der Zugang über die Johannes-Ströh-Straße ist derzeit nicht barrierefrei. Der Aufzug steckt auf der Etage im Tunnel fest. Die Tür lässt sich nicht öffnen. Die Stadtverwaltung will Abhilfe schaffen.

„Nach Neumünster kommt man als Rollifahrer theoretisch schon. Wenn man von außen die Kopfgleise 3 und 4 umfährt, gelangt man zum Bahnsteig 5. Doch stellt sich die Frage, ob das zumutbar ist. Auf der Strecke gibt es ja Kopfsteinpflaster“, sagt Britta Bussewitz vom Beirat für Menschen mit Behinderungen. Wer allerdings von Hamburg komme und in Bad Oldesloe nach Neumünster umsteigen müsse, habe indes keine Chance. Die Treppen im Bahnhof seien ein schier unüberbrückbares Hindernis und das nicht nur bei eingeschränkter Mobilität, sondern auch für viele Sehbehinderte. „Ich selbst bin von Geburt an blind und habe mich daran gewöhnt. Aber 70 Prozent der Betroffenen sind über 60 Jahre alt und werden ganz spät mit dieser Situation konfrontiert. Meist handelt es sich um eine altersbedingte Makuladegeneration“, sagt die Oldesloerin.

Das bestätigt auch die Beiratsvorsitzende Yannick Thoms, die selbst von verminderter Sehfähigkeit betroffen ist. Sie hat den Plan, von Bad Oldesloe mit dem Zug zu fahren, deshalb längst aufgegeben. „Die Treppe rauf ist es ja kein Thema, aber wenn man beim Abstieg einen Zentimeter daneben tritt, stürzt man in die Tiefe. Das ist eine Frage des Gleichgewichts“, sagt sie. Wie Britta Bussewitz weiß auch sie, dass die Aufzüge im Bahnhof schon seit Jahren alles andere als zuverlässig funktioniert haben. Immer aufs Neue sei mit Ausfällen zu rechnen gewesen. „Das letzte Mal war wohl sogar der Notruf kaputt und eine Person im Fahrstuhl eingesperrt“, sagt sie. Dass nun geplant sei, die störungsanfälligen Aufzüge auszutauschen, sei mehr als verständlich. Dem schließt sich Britta Bussewitz an. „Aber dass es so lange dauern soll, ist nicht nachvollziehbar. Es handelt sich ja nicht um einen Monat, sondern um ein halbes Jahr“, stellt sie klar.

Doch dabei bleibt es offenbar nicht, wie die Deutsche Bahn AG auf Anfrage bekanntgibt. „Die Inbetriebnahme der beiden Aufzüge in Bad Oldesloe wird sich leider verzögern. Die Fertigstellung war ursprünglich für Dezember 2020 vorgesehen. Der neue Termin wird nach derzeitiger Einschätzung im Februar 2021 sein“, teilt die zuständige Bahnsprecherin mit und nennt dafür mehrere Gründe. Demnach konnten Arbeiten an der für den Bahnbetrieb typischen 50-Hertz-Stromanlage noch nicht beendet werden. Bei den ausführenden Fachfirmen gebe es Kapazitätsengpässe. Zudem müssten neue technische Auflagen umgesetzt werden. Nicht zuletzt stünden für die bei Aufzügen erforderlichen Abnahmeprüfungen erst Termine im kommenden Jahr zur Verfügung.

Der Austausch der per Hydraulik angetriebenen Aufzüge, die noch aus dem Jahr 1998 stammten, war laut Bahn AG ohnehin geplant gewesen, da ihre Nutzungsdauer von maximal 20 Jahren bereits erreicht war. Deshalb seien sie zuletzt auch sehr störanfällig und Ersatzteile nur noch schwer bis gar nicht zu bekommen gewesen. Die neuen Lifts würden nun mit einer Seilzugtechnik betrieben. Dies erfordere einen baulichen Mehraufwand.

„Wir wissen genau, wie wichtig Aufzüge für mobilitätseingeschränkte Fahrgäste sind. Daher haben wir sie auch genau im Blick. Wichtig ist, dass sich die Fahrgäste, die zwingend auf die Aufzüge angewiesen sind, mit ihrer Reise bei der Mobilitätsservicezentrale anmelden, damit wir individuell Hilfeleistungen organisieren können“, schreibt die Sprecherin weiter.

Für Reisende mit Hilfebedarf stehe im Übrigen von Montag bis Freitag von 7 bis 19 Uhr sowie Sonnabend und Sonntag von 8 bis 20 Uhr Servicepersonal zur Verfügung. Zudem bestehe die Möglichkeit, sich über die Mobilfunk-Apps „DB Navigator“, „Bahnhof Live“ und „Barrierefrei“ über die Verfügbarkeit von Aufzügen an Bahnhöfen zu informieren.  

Dieser Beitrag wurde unter Presseartikel veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.