Strom aus Photovoltaik scheitert an Oldesloer Umspannwerk

Lübecker Nachrichten   09.12.2020

Wie der Online-Riese Amazon haben viele Gewerbetreibende und Privatpersonen angekündigt, in Bad Oldesloe Photovoltaik zu nutzen – Doch derzeit herrscht Einspeiseverbot für neue Anlagen
Von Dorothea von Dahlen
Christian Herzmann ist verärgert. Er hat eine Solaranlage auf dem Dach installiert, die nicht ins Netz einspeisen darf.Fotos: Dorothea von Dahlen

Bad Oldesloe. Einen „kräftigen Zuwachs bei Erneuerbaren Energien“ wünscht sich Schleswig-Holsteins Umweltminister Jan Philipp Albrecht (Grüne). In Bad Oldesloe hat der Anteil von Strom aus Wind, Sonne und Biomasse bereits ein hohes Niveau erreicht. Tatsächlich könnte es sogar noch mehr sein. Doch seit einigen Monaten ist die postulierte Energiewende in der Kreisstadt zum Stillstand gekommen. Der zuständige Betreiber des Mittelspannungsnetzes ist nicht in der Lage, den Strom aus neuen Photovoltaik-Anlagen aufzunehmen. Davon betroffen sind nicht nur Privatleute, die sich für saubere Energie stark machen, sondern auch Gewerbebetriebe, die bereit sind, in nicht gerade geringem Maß zu investieren.

Eine Großanlage mit bis zu 1000 Kilowatt Peak (kWp) soll demnach am neuen Verteilzentrum von Amazon in Bad Oldesloe an den Start gehen. Das Unternehmen will nach eigenem Bekunden an seinen Standorten vom Jahr 2025 an nur noch mit erneuerbarer Energie arbeiten. Auf Anfrage teilte der Vermieter des Online-Versandhändlers mit, dass bereits Vorbereitungen getroffen worden seien. „P3 hat während der Fertigstellung des Gebäudes das Dach für Photovoltaik-Anlagen vorgerüstet. Eine detaillierte Planung zur Installation der Solarpaneele ist bisher nicht angestoßen“, erklärt Sönke Kewitz, Geschäftsführer von P3 Logistic Parks.

Umweltschonende Ressourcen will auch die Oldesloer Familie Herzmann nutzen, um ihren Eigenbedarf möglichst mit Strom aus Solarenergie zu decken und in guten Jahren sogar noch etwas ins öffentliche Netz einspeisen zu können. Mehr als 20 000 Euro investierte die Familie deshalb in eine 7-Kilowatt-Peak-Anlage. Im September 2020 wurden die Paneele auf dem Dach des Hauses installiert. Dass ein Anschluss ans öffentliche Netz erst dann erfolgen würde, wenn das Umspannwerk technisch aufgerüstet ist und der Betreiber deshalb einen Einspeisestopp verhängt hatte, wusste Christian Herzmann zu diesem Zeitpunkt. Doch nach seinen damaligen Informationen sollte dieser Prozess schon im November abgeschlossen sein. „Das wäre noch zu verkraften gewesen. Wir hatten darauf gesetzt, dass die Anlage von Frühjahr 2021 an auf Ertrag laufen würde, damit sie sich amortisiert. Stattdessen heißt es jetzt, dass wir bis zum zweiten Quartal warten müssen“, sagt der Familienvater frustriert. Er hat jetzt unter www.photovoltaik-bad-oldesloe.de eine Interessengemeinschaft all jener gegründet, die zurzeit ebenfalls „totes Kapital auf dem Dach“ haben.

„Je später wir starten, desto größer werden unsere Probleme“, sagt Sören Svenson. Am Gebäude des Oldesloer Ingenieurbüros Schreyer, für das er arbeitet, sind 150 Solarmodule mit einer Leistung von 50 kWp installiert. Das Unternehmen verfolgt im Verbund mit der im selben Gebäude ansässigen Firma GSP gleich mehrere Ziele. Der über die Anlage produzierte Strom soll im Falle eines Überschusses gespeichert werden, um auch an sonnenarmen Tagen Versorgungsstabilität zu erreichen. Außerdem sollen die Elektrofahrzeuge der Büros darüber geladen werden, so dass der Eigenverbrauchsanteil insgesamt bei 75 Prozent liegt. So hätten die Firmen kaum noch Bedarf für Strom aus fossilen Energieträgern. Doch da die 100 000 Euro teure Anlage noch nicht am Netz ist, zeigen sich die positiven Effekte später als erhofft. Schlimmer noch: Es droht ein herber Ertragsausfall – aufs Jahr gerechnet 10 000 Euro. „Ärgerlich ist, dass der Netzausbau verschlampt wurde. Viele willige Privatpersonen und Gewerbebetriebe, die Geld in die Hand nehmen für sauberen Strom, sind jetzt ausgebremst. Dabei ist schon seit März 2019 bekannt, dass ein Ausbau des Umspannwerks nötig ist“, sagt Svenson.

Das bestätigt auch Wilfried Janson, Energieexperte der Oldesloer Grünen. Ihm zufolge war es bereits 2018 absehbar, dass das Einspeisen regenerativer Energien nur noch gefahrlos möglich sein würde, wenn das Umspannwerk im Oldesloer Ortsteil Sehmsdorf technisch aufgerüstet wird. Knackpunkt ist demnach die Zunahme möglicher Kurzschluss-Ströme, die den elektrischen und magnetischen Grenzwert des Umspannwerks übersteigen. Diese können im Extremfall nicht nur die Netzstabilität ins Wanken bringen, sondern sogar erhebliche Schäden an den Stromanlagen selbst verursachen. „Auf das Kupfer in der Hauptsammelschiene wirken im Kurzschlussfall tonnenschwere Kräfte. Dabei können die Isolatoren aus der Verankerung gerissen werden. Und wenn ein Totalschaden im Umspannwerk passiert, dann gibt es in Bad Oldesloe wochenlang keinen Strom, weil die Stadt an einem Inselnetz hängt“, erklärt Janson. Wie er darlegt, war das Problem schon bekannt, als die Schleswig-Holstein Netz AG noch Betreiber des Mittelspannungsnetzes war. Schließlich habe sie Anfang 2020 ein Einspeiseverbot verhängt, das ihre Nachfolgerin, die Trave-Netz GmbH, übernommen habe.

„Wir bedauern sehr, dass es für die neuen Einspeiser zu dieser unbefriedigenden Situation gekommen ist. Wir wollen so schnell wie möglich die Voraussetzungen für weitere Einspeisungen aus Photovoltaik-Anlagen schaffen“, beteuert Lars Hertrampf, Sprecher des Unternehmens. Der Eigentümerwechsel habe keine Rolle bei der Verzögerung der Arbeiten am Umspannwerk gespielt. Die umfangreichen Umbau- und Erweiterungsarbeiten zur Sicherstellung weiterer Einspeisekapazitäten erneuerbarer Energien am Umspannwerk (UW) Bad Oldesloe werden voraussichtlich im zweiten Quartal 2021 abgeschlossen sein. Eine planmäßige Erweiterung sei zunächst erst für 2027 vorgesehen gewesen. Der massive Anstieg bei der Einspeisung erneuerbarer Energien im Zuge der Energiewende habe ein Vorziehen der Maßnahmen notwendig gemacht. Die ursprünglich bereits für Ende 2020 angestrebte Fertigstellung habe sich dabei maßgeblich durch die anhaltende Corona-Pandemie verzögert.

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