Betrachtungen zum Wochenausklang Angst, Jammern und Wald ohne Laub

Stormarner Tageblatt  12.12.2020

Stormarner Wochenschau

Angst, Jammern und Wald ohne Laub

Megi Balzer
Megi Balzer

Patrick Niemeier und Volker Stolten
Blätterwald
Stellen Sie sich das mal vor: Sie gehen regelmäßig im Wald spazieren. Und an einem Tag ist der Boden blätterübersät und am nächsten Tag zwar nicht spiegelblank, aber völlig blätterfrei. Da denken Sie doch vermutlich wirklich: Ich glaub, ich steh im Wald oder dass eine neue Folge von „Verstehen Sie Spaß“ gedreht wird und Moderator Guido Crantz gleich aus dem Gehölz kommt. So oder ähnlich muss sich ein Oldesloer, leidenschaftlicher Waldgänger im Kneeden, vorgekommen sein, der genau dieses Szenario erlebt hat. Waren es fleißige Heinzelmännchen, die mit Besen und Kehrblech für einen sauberen Wald sorgen wollten? Gute Frage, aber falsche Antwort: Die hat weniger mit Mythos zu tun, sondern ist vollends realer Natur. Das Laub auf den Wegen wird, man glaubt es kaum, wirklich weggepustet. So können die Wege, vornehmlich die Hauptwege, laut Expertenmeinung, besser abtrocknen und so den schweren Waldmaschinen eher standhalten. Wäre die Frage „Werden die Blätter im Wald abgepustet?“ eine bei der TV-Sendung „Wer wird Millionär?“ gewesen, wäre ich bei der Antwort glatt durchgefallen. Man lernt doch nie aus.

Aufstand
„Die Maske nervt, in der Schule ist es kalt, vor dem Geschäft muss man Schlange stehen, liebgewonnene Veranstaltungen fallen aus“. Das sind einige Punkte die von Covid-19-Maßnahmen-Kritikern angeführt werden. Angeblich sei man ja nur kritisch, aber leugne die Gefahr nicht. Insgesamt gibt es auch in Stormarn von der Minderheit der Verquerdenker neben den üblichen Verschwörungstheorien und hundertfach widerlegten alternativen Fakten ein schwer auszuhaltendes Jammern auf hohem Niveau zu hören. Natürlich sind manche Dinge sehr unangenehm, schränken den Alltag ein, führen auch zu – im wahrsten Sinne des Wortes – ungemütlich kühlen Situationen. Aber das sind keine existenziellen Probleme. Seriöse Kritik an den Maßnahmen ist angebracht und gehört zur Diskussionskultur einer Demokratie. Doch mit ihrem esoterischen, pseudowissenschaftlichen Geschwurbeltheater schaden die angeblichen Kämpfer für Freiheit und Demokratie ihrem Anliegen nur. Da wir in einer Demokratie leben, können die Jammernasen und Maskenmuffel natürlich sogar ihre absurde Meinung rausschreien, dass es angeblich keine Meinungsfreiheit gebe. Heuchlerisch ist auch die gerne angeführte Argumentation, dass bei aller Rücksicht christliche Traditionen nicht leiden dürfen. Natürlich müsse man sich mit beliebig vielen Menschen und Oma und Opa an Weihnachten treffen. Das sei gelebte Nächstenliebe. Tatsächlich wäre es christlich, aus Rücksicht darauf zu verzichten und Nächstenliebe, wenn man maximale Rücksicht auf die Gesundheit der anderen nimmt und nicht mal wieder angeblich christliches Handeln als Feigenblatt für Egoismus und Bedürfnisbefriedigung nutzt. Jesus hätte die Gegner maximaler Rücksichtnahme auf Alte und Kranke wohl verachtet.

Angst im Glashaus
Wer sich in ein öffentliches Amt wählen lässt, ob hauptamtlich oder ehrenamtlich, muss damit klarkommen, dass er öffentlich wahrgenommen wird und das ihre oder seine Worte zitiert werden. Wer sich politisch einbringen will, muss zu seiner Meinung stehen können zu hundert Prozent und mit jeder Konsequenz. Und doch haben immer mehr Lokalpolitiker Angst, dass Online-Übertragungen von Sitzungen und Ausschüssen sie zu Zielen von Hass, Spott und Hetze im Internet oder persönlich machen. Zum Teil ist diese Angst nachvollziehbar. Aber sie darf doch eigentlich niemals der Grund dafür sein, daher auf Online-Übertragungen oder öffentliche Äußerungen zu verzichten. Ziel der gewählten Volksvertreter sollte es immer sein, die maximale Öffentlichkeit herzustellen. Umso mehr Menschen ihren Entscheidungsfindungen und Diskussionen folgen können, desto besser. Es ist kein Kreis einer Entscheider-Elite, die möglichst abgeschirmt arbeiten kann. Denn wenn man anfängt, sich einzuschränken in dem, was man wo oder wie sagt, haben die Online-Trolle, die Hassenden wieder einen Kampf gegen die Diskussionskultur der Demokratie gewonnen.
Es muss sich eher die Frage gestellt werden, wie man dem Treiben der Trolle und Hetzer Einhalt gebieten kann, wie die Betreiber von Online-Portalen und Streaminganbietern verantwortlich sind. Wer Angst davor hat, dass seine Reden oder Beiträge zu oft und zu häufig gesehen werden, ist so oder so in politischen und öffentlichen Ämtern falsch und sollte sein Mandat eigentlich nach ein wenig Überlegung nieder- legen. Denn Angst ist nie ein guter Berater.

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