Lehrer Kühl veröffentlicht Strafgedichte

Lübecker Nachrichten   13.12.2020

Jürgen Kühl sammelte Schülerpoesie „aus gegebenen Anlass“

Jürgen Kühl mit den Schülergedichten aus seiner Lehrerzeit.foto: FOFANA

Bad Oldesloe. Viele Strafgedichte seiner Schüler fand Jürgen Kühl (90), langjähriger Schulleiter der Theodor-Mommsen-Schule in Bad Oldesloe (1977-1992), schon immer gut. Sie lassen den Leser schmunzeln und verraten den Anlass der Extra-Aufgabe aus dem Schulalltag: Schneebälle, Rauferei, nasse Schwämme, Knallkörper oder verbotene Äpfel. Oft gab Kühl die fein-säuberlich mit blauer Tinte zu Papier gebrachten Verse beim Abitur an deren Verfasser zurück. Als Pensionär sichtete er in Tremsbüttel die Gedichte und brachte jetzt eine kleine Sammlung heraus.

Zu Beginn seiner 35-jährigen Lehr-Tätigkeit hießen sie noch „Strafarbeiten“. „Das Wort wurde aus dem pädagogischen Wortschatz gestrichen, die Maßnahme wurde verboten“, erklärt der 90-Jährige. „Nun war so etwas wie Übereinstimmung mit dem ,Täter’ oder der ,Täterin’ notwendig. Die ließ sich aber im Allgemeinen erreichen.“ Vorgeschrieben war für diese Schülerarbeiten die Gedichtform. Die Zeilenzahl richtete sich nach dem Ausmaß des „Vergehens“.

Erschwerend seien gelegentlich Reimpaare vorgegeben worden, wie Wasser-krasser oder Kreide-Heide. Kühl: „Die Sammlung zeigt einen kleinen Ausschnitt aus meinem Lehrerleben. Diese Jahrzehnte haben mir viel Freude gemacht.“ Er hofft, dass die im Poesie-Heft in Schulheft-Form wiedergegebenen „Arbeiten aus gegebenem Anlass“ etwas dazu beigetragen haben, im Schulalltag die Verbissenheit zu vermeiden. Denn die Arbeiten erledigten viele Schülerinnen und Schüler mit einem Augenzwinkern.

Ein „noch unbekannter Dichter“ unterschreibt den ersten Vers: „Der Himmel spiegelt sich im Brunnenwasser. Zwei Knaben, die sich spritzen, werden nasser; ihr Mund lacht breit, ihr Herz wird weit, doch jäh zerstört die Heiterkeit der Schulaufpasser. Gönnt er den Kindern kein Vergnügen? Sie fürchten schon die kühlen Rügen, doch Schalk im G’sicht, der Strenge spricht: ,Ihr macht darauf ein Lehrgedicht in kurzen Zügen.’“

Auch „Der Fenstersprung zu Oldesloe“ von S.A. ist verewigt. „Als ich aus dem Fenster sprang, kam Herr Kühl den Weg entlang, und er sagte: ,Komm mal her’, ach, da grauste es mich sehr. Er sagte: ,Du schreibst ein Gedicht. Thema: Springe aus dem Fenster nicht.’ Da hab ich ihn angelacht und schnell dies Gedicht gemacht. Und die Moral von dem Gedicht, ärger den Direktor nicht.“ Das Schlusswort des Herausgebers unter der Zahl „8“ lautet: „Die Acht, sieht man sie grad und aufrecht stehen, signalisiert Begrenztes, nicht einmal Zehen. Dreht man um 90 Grad sie dann, so zeigt sie Dir ,Unendlich’ an. Dies scheint mir, ist auch oft im Alltag wahr: Manch Ding stellt sich nach einer kleinen Drehung anders dar.“ sus

Die Poesie-Hefte gibt es für sieben Euro bei der Buchhandlung Willfang an der Hude in Bad Oldesloe.

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