Ärzte schreiben offenen Brief an Corona-Leugner

Lübecker Nachrichten   19.12.2020

Medizinern aus Bad Oldesloe und Reinfeld ist es jetzt zu bunt geworden: Sie kritisieren die Verharmlosung des Virus aufs Schärfste

Von Markus Carstens

Sechs der 30 Mediziner, die den offenen Brief unterschrieben haben: Hubertus Tesdorpf (v. l.), Dr. Kay Peters, Dr. Katharina Pfeiffer, Dr. Christine Spingler, Dr. Asbirg Greiner und Dr. Tina Teichmann. foto: markus Carstens

Bad Oldesloe. Die Corona-Lage spitzt sich weiter zu, die Infektionszahlen steigen in ungeahnte Höhen – und trotzdem gehen immer noch sogenannte Querdenker auch im Kreis Stormarn auf die Straße, um gegen die Schutzmaßnahmen der Bundes- und Landesregierung zur Eindämmung der Pandemie zu demonstrieren. „Auch in Bad Oldesloe treffen sich seit vielen Wochen diese Leugner der aktuellen Corona-Situation jeden Montag, um auf dem Marktplatz gegen die Maßnahmen zu protestieren“, sagt Dr. Tina Teichmann. Die Ärztin gehört zum Regionalen Praxisnetz, von dem nun 30 von 40 Mitgliedern einen offenen Brief verfasst haben.

Die Mitglieder des Regionalen Ärztenetzes Oldesloe Reinfeld (ROR) sehen sich durch die „von diesen Querdenkern gezielt verbreiteten Fehlinformationen und Verharmlosungen“ dazu gezwungen, konkret Stellung zu beziehen. In dem Brief schreiben sie: „In unserem Arbeitsalltag betreuen wir seit Anfang des Jahres jeden Tag Menschen unterschiedlicher Altersgruppen mit unterschiedlichsten Vorerkrankungen, die sich mit dem Sars-Cov-2-Virus (Covid-19) infiziert haben. Alle diese Menschen zeigen vielfältige Symptome, die glücklicherweise oft gut beherrschbar sind. Dennoch führt die durch die Erkrankung notwendige häusliche Isolation oft zu Unruhe und Ängsten, die wir Ärzte durch eine engmaschige Überwachung zu erleichtern versuchen.“ Neben diesen leichten Infektionsverläufen gebe es aber auch immer wieder mit Patienten, bei denen die Erkrankung zu schwerwiegenden Symptomen führt wie zum Beispiel akuter Luftnot, schweren Hustenattacken, hohem Fieber und Herzrasen. „Wenn diese Beschwerden zu Hause nicht beherrschbar sind“, schreiben die Mediziner, „müssen diese Patienten unter schärfsten Hygienemaßnahmen in eine Quarantänestation mit Intensivkapazitäten der umliegenden Krankenhäuser verlegt werden. Trotz aller medizinischer Bemühungen sterben einige Menschen an den Folgen ihrer Covid-19-Erkrankung, in den vergangenen Tagen mit stark steigender Tendenz. Daher ist die von den Querdenkern gerne geäußerte Aussage, dass das Coronavirus bisher keine Todesopfer gefordert hat, falsch.“ Nach Angaben der Kreisverwaltung waren bis gestern 69 Todesopfer in Verbindung mit Covid-19 zu beklagen.

Vor weniger als einem Jahr habe niemand auf der Welt geahnt, was durch diese Pandemie auf die Menschheit zukommen würde. Auch jetzt sei es praktisch unmöglich, die zukünftige Entwicklung des Infektionsgeschehens sicher vorherzusagen. Die Ärztinnen und Ärzte nehmen deshalb auch ausdrücklich die Politiker in Schutz: „Die Bundes- und Landesregierungen können ihre Entscheidungen nur kurzfristig auf aktuelle Entwicklungen treffen.“

Die Mediziner schreiben weiter: „Wir Ärzte des ROR, die die regionale Grundversorgung bilden, appellieren an alle Mitbürger, die Verordnungen und Schutzmaßnahmen wie Kontaktbeschränkungen, das Tragen von Mund-Nasen-Schutz sowie das Einhalten von Abständen im täglichen Leben sehr ernst zu nehmen. Nur durch konsequentes gemeinsames Handeln und eine große Selbstdisziplin erscheint eine Eindämmung der Pandemie möglich.“ Und weiter: „Die Querdenker und Corona-Leugner mit ihrer systematischen Verbreitung unbewiesener pseudo-wissenschaftlicher Behauptungen führen zu einem hohen Grad der Verunsicherung unter den Menschen. Dies bedeutet für uns in der Praxis, dass wir viel wichtige Zeit dadurch verlieren, dass wir unbewiesene Aussagen richtigstellen und unsichere Patienten beruhigen müssen.“

Die Ärzte seien nicht die einzigen, die durch die Pandemie in hohem Maße belastet sind. So setzten sich viele Menschen in Pflegeberufen, in Therapiepraxen oder in den Laboren einem hohen Infektionsrisiko aus, um die notwendige Versorgung sicherzustellen. Und auch in anderen Berufsbereichen wie Gastronomie, Kunst, Theater, Handel, Erziehung und Bildung müssten sich die Menschen mit der neuen Situation, den Maßgaben und Verordnungen auseinandersetzen und diese umsetzen.

Die Ärzte schreiben: „Dies ist eine große Aufgabe, die es zu bewältigen gilt. Die Leugnung der Corona-Pandemie und die Verbreitung unbewiesener Verharmlosungen werten alle diese Anstrengungen und Mühen ab. Wir haben das große Glück in einer Gesellschaft zu leben, in der wir angstfrei miteinander leben und reden können. Aus unserer Sicht ist es wichtig, dass wir dies alle zusammen schützen und mit Umsicht aufeinander achten.“

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