Drei Monate Amazon in Bad Oldesloe: Fluch oder Segen?

Lübecker Nachrichten   25.12.2020

Täglich werden bis zu 50 000 Pakete an- und ausgeliefert – Für die Weihnachtszeit wurden 100 weitere Mitarbeiter eingestellt – Die Kritik ist derweil weitestgehend verstummt

Von Markus Carstens

Jeden Vormittag fahren Dutzende Kleintransporter vom Amazon-Verteilzentrum aus in alle Himmelsrichtungen. Fotos: Carstens/FOfana

Bad Oldesloe. Pakete, Pakete, Pakete: Die Lieferbranche boomt stets zu Weihnachten, in diesem Jahr wirkt die Corona-Krise als zusätzlicher Treibstoff. Das spürt ganz deutlich auch das Amazon-Verteilzentrum im Oldesloer Gewerbegebiet an der A 1, das im September an den Start ging. Das Logistikunternehmen selbst ist hoch zufrieden mit dem Start, und auch in der Stadt Bad Oldesloe hat man inzwischen offenbar seinen Frieden mit dem Verteilzentrum von Amazon Logistics gemacht.

„Wir sind voll im Plan, liegen derzeit sogar über unseren Zielen“, sagt Standortleiter Tim Schneider. Waren es zu Beginn rund 150 Kleintransporter, die das Gelände täglich am Vormittag verließen, sind es derzeit rund 450 Fahrzeuge. Bei Amazon direkt angestellt ist davon niemand, die Verteilung der Sendungen übernehmen Subunternehmen. Etwa die Hälfte bekommen die blauen Amazon-Wagen mit dem markanten geschwungenen hellblauen Streifen gestellt, wiederum 81 davon sind Elektroautos.

Gestartet ist Amazon Logistics mit 150 Fahrzeugen und rund 15 000 Paketen täglich. Diese Menge hat sich analog zum Fahrzeug-Aufkommen ebenfalls verdreifacht. „Wir liefern derzeit täglich zwischen 40 und 50 000 Pakete aus“, erklärt Sprecherin Nadiya Lubnina auf LN-Anfrage. Macht etwa 250 000 bis 300 000 Sendungen pro Woche und mehr als eine Million Pakete pro Monat. Die Autos fahren montags bis sonnabends in Wellen zwischen 9 und 12 Uhr los in alle Himmelsrichtungen, die meisten auf die Autobahn. Die Anlieferung erfolgt nachts mit etwa 20 bis 25 Lastwagen.

Das Verteilzentrum selbst ist mit 150 Mitarbeitern gestartet, momentan sind etwa 250 Personen dort im Einsatz. „Das Weihnachtsgeschäft läuft schon seit Anfang November“, erklärt Tim Schneider. „Alle machen hier einen tollen Job.“ Eine große Fluktuation gebe es trotz des fordernden Jobs zu nächtlicher Zeit auch nicht. Auch die Kundenzufriedenheit ist laut Schneider messbar sehr hoch. „Im bundesweiten Vergleich der Amazon-Verteilzentren haben wir einen sehr guten Schnitt bei der Zustellquote, Retouren und Feedback der Kunden.“

Beschwerden hatte es lediglich aus dem Oldesloer Ortsteil Rethwischfeld gegeben, weil das Flutlicht des Amazon-Parkplatzes auch einige Schlafzimmer unerwünscht erleuchtete. Mittlerweile wurde der Abstrahlwinkel der Lampen neu eingestellt und mehr Richtung Boden justiert. Anfang des Jahres soll es weitere Änderungen und Verbesserungen für die Anwohner geben.

„Inzwischen haben wir hier eine gute Nachbarschaft und fühlen uns gut integriert“, sagt Standortleiter Schneider. Bei den Bäckereien und Tankstellen seien die Amazon-Mitarbeiter mittlerweile gern gesehene Gäste. Die Polizei mache sich lediglich wegen der Verkehrsführung Sorgen. „Viele Autofahrer haben noch nicht realisiert, dass an der neu gebauten Straßen rechts vor links gilt“, sagt Tim Schneider. Da müsse man vielleicht mit einem Extra-Verkehrsschild nachsteuern. Denn im kommenden Jahr soll auch das zweite große Lager im Gewerbegebiet mit entsprechendem Lkw-Verkehr seinen Betrieb aufnehmen: das neue Zentrallager des Hamburger Krankenhaus-Konzerns Asklepios.

Über den neuen Amazon-Nachbarn freut sich auch der Oldesloer Bürgermeister Jörg Lembke. „Es werden dann alle Asklepios-Kliniken in ganz Deutschland von Bad Oldesloe aus beliefert.“ Gegenüber hat bereits der Handwerk-Spezialist Würth eröffnet, daneben gibt es weitere Baustellen, unter anderem auch die der Vereinigten Stadtwerke für einen neuen Verwaltungsbau.

„Ich freue mich, dass das Gewerbegebiet weiter wächst und Bad Oldesloe ein attraktiver Standort für Wirtschaftsunternehmen ist“, sagte Lembke den LN. Mit Tempo wolle er daher nun die Entwicklung des neuen Gewerbegebiets an der Grabauer Straße angehen.

Auch mit der Existenz des Amazon-Verteilzentrums, das anfangs für viel Kritik in der Stadt gesorgt hatte, hat sich der Bürgermeister offenbar arrangiert. „Von den Bürgern gab es lediglich Beschwerden wegen der Beleuchtung“, sagte Lembke. Der Verkehr fließe auch einwandfrei, die Transporter reihten sich wunderbar ein. „Sie sind ja auch nicht zu den Hauptverkehrszeiten unterwegs.“

Es sei ja bekannt, dass sich die Stadt etwas anderes gewünscht habe, „aber wir wollen Amazon auch nicht verteufeln, schließlich werden auch Arbeitsplätze geschaffen“, meinte der Bürgermeister. Das große Haushaltsloch wird jedoch auch der Logistikriese nicht schließen. Im Gegenteil: Amazon selbst geht bisher von Gewerbesteuer-Zahlungen in Höhe von lediglich 15 000 bis 30 000 Euro jährlich aus.

„Natürlich kann man Amazon als Ganzes kritisch sehen“, sagte Lembke, „muss sich dann jedoch fragen, wie der Konzern so groß werden konnte.“ Wenn nicht so viele Kunden dort bestellen würden, wäre Amazon nie so gewachsen.

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