Lost Places: Die Natur erobert die Moog-Villa am Oldesloer Kirchberg

Lübecker Nachrichten   29.12.2020

Schandfleck oder geheimnisvoller Ort? Die Moog-Villa steht an exponierter Stelle, soll schon seit Jahren abgerissen werden – Passiert ist nichts – Denkmalschutz zeigt Interesse am Gelände

Von Markus Carstens

„Hier entstehen Wohnträume.“ Das Schild hat sich jedoch mittlerweile seiner Umgebung angepasst.  fotos: markus carstens

Bad Oldesloe. Die Jalousien sind heruntergelassen, die Sicht hinunter auf den Stadtarm bleibt versperrt. Freier Blick herrscht dagegen aus dem Dachgeschoss. Elf Fenster reihen sich aneinander, einige sogar noch mit Glas. Eines steht auf Kipp, eines ist ganz offen. Hinausgeguckt auf die Innenstadt von Bad Oldesloe hat hier jedoch wohl schon länger niemand mehr.

Denn die Zugänge an der Seite des Gebäudes sind verschlossen oder mit Holzplatten verrammelt. Niemand soll auf die Idee kommen, hier einzusteigen. Denn mittlerweile ist die alte Moog-Villa am Kirchberg in Bad Oldesloe einsturzgefährdet. Ein Dach gibt es an vielen Stellen gar nicht mehr. Durch die freigelegten Holzbalken haben sich sogar schon Bäume ihren Weg gebahnt. Der ehemalige Schornstein ist komplett von Grün umhüllt.

Überhaupt hat sich die Natur hier stark ausgebreitet. Der Efeu hat sich offenbar vorgenommen, das komplette Haus zu verhüllen. Das Gatter zum schmalen Stieg unterhalb der Villa ist zwar herausgerissen und liegt im Gebüsch; doch der Weg ist so eng und dornenreich, dass selbst Enten lieber wieder umkehren. Auch die leere und verdreckte Eispackung „Mövenpick Schwarzwälder Kirsch“ lassen sie links liegen.

Wer dagegen die 40 Holzstufen von der Trave Richtung Kirchberg hinaufsteigt, kann zumindest einen Blick auf die Auffahrt und den Carport erhaschen. Kryptische Graffiti an der Hauswand legen Zeugnis davon, dass hier eine Zeit lang Oldesloer Jugendliche gerne zusammenkamen. „Ankommen und wohlfühlen! Hier entstehen Ihre Wohn(t)räume!“ Das Schild des Investors, der hier Wohnungen bauen will, wirkt unfreiwillig komisch und ist zudem bereits selbst Opfer des Zerfalls geworden.

Klock, klock, klock. Nanu, wohnt hier doch noch jemand? Nein, natürlich nicht. Vor kurzem prasselten nur die Eicheln des mächtigen Baums auf den Carport. Ein verrostetes Tor, an dem der weiße Lack abblättert, sichert die Zufahrt zum Grundstück. Der Fußweg zum Haus ist bereits komplett von Fliederbeersträuchern und Brennnesseln versperrt. Briefschlitz, Klingel und die Hausnummer 6 a zeugen davon, dass hier mal Menschen wohnten. Genauer gesagt der ehemalige Oldesloer Stadtrat Wilhelm Moog mit seiner Familie. Sogar die Alarmanlage ist noch angebracht.

Alarm wurde nicht nur vor rund zehn Jahren ausgelöst, als die Villa ein Raub der Flammen wurde und die Brandruine anschließend ihrem Verfall preisgegeben wurde. Auch danach wurde gerne mal etwas gezündelt. Zuletzt im Jahr 2019, als die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Bad Oldesloe gleich dreimal innerhalb kürzester Zeit Richtung Kirchberg ausrückten. Einmal musste sogar Unterstützung aus Reinfeld kommen, weil der Dachstuhl zu qualmen schien. Täter wurden nie gefasst, große Schäden entstanden aber auch nie dabei.

„Für Kinder und Jugendliche ist das wie ein Abenteuerspielplatz“, sagte damals Ortswehrführer Kai-Uwe Gatermann. Für die Feuerwehrleute sei es aber ein sehr gefährlicher Einsatzort.

Denn für die Villa bestehe Einsturzgefahr, seit das Haus vor zehn Jahren abgebrannt ist. Auch damals war es Brandstiftung. „Damals ist das Obergeschoss abgebrannt, und durch das Löschwasser hat es zusätzliche Schäden gegeben, sodass das Haus einsturzgefährdet ist“, warnte Gatermann schon im Sommer 2019.

So richtig ins Bewusstsein der Oldesloer ist das Haus offenbar auch erst gerückt, als nur noch Fragmente da waren und es zusehends zum Schandfleck verkam. Selbst Stadtführerin Sieglinde Demiss-Voigtmann ist nur wenig über die Zeit davor bekannt. Die Oldesloer Band „Days of Northern Lights“ nutzte dann die Ruine, um ein Musikvideo aufzunehmen. „Den Strom haben wir damals vom St.-Jürgen-Hospital bekommen“, erinnert sich Sängerin Hanna Dreu.

Über die Zeit davor finden sich dagegen auch im Kreisarchiv nur spärlich Artikel. Und wenn, dann nicht über das Haus, sondern über seinen einstigen Eigentümer, Wilhelm Moog.

Dieser wurde am 21. März 1922 geboren und arbeitete als Elektro-Ingenieur. Am 13. März 1966 wurde er zum Stadtverordneten und zum ehrenamtlichen Stadtrat gewählt. „Außerdem war er seit dem 13. März 1966 im Ausschuss für Hoch- und Tiefbau, im Schul- und Kulturausschuss und im Umlegungsausschuss tätig“, berichtet Bad Oldesloes Stadtarchivarin Celina Höffgen, die diese Informationen in alten Magistratsprotokollen von 1966 fand. Wilhelm Moog war also Ingenieur und Inhaber der Elektrofirma Carl Hoffmann, zudem Erbauer des Kaufhauses am Markt. „Die Villa kam wohl tatsächlich erst nach dem Brand wirklich ins Gespräch“, vermutet auch die Stadtarchivarin. „Und natürlich aufgrund der Vermutungen, dass sich dort eine alte Mittelalterfestung befinden soll.“ Laut Archäologischem Landesamt gibt es deutliche Hinweise auf eine Burganlage aus dieser Zeit. Sie soll um 1247 errichtet worden sein, um die Hude zu sichern, die damals Stapelplatz am Handelsweg Lübeck–Hamburg war.

Spätestens wenn der Segeberger Investor Argos, der die Moog-Villa sowie die Gebäude von St. Jürgen am Kirchberg gekauft hat, mit einer Neubebauung an der Stelle beginne, würde es weitere Erkenntnisse geben, da dann der Denkmalschutz auf den Plan gerufen werde, hieß es bereits vor geraumer Zeit vom Landesamt.

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