Betrachtungen zum Wochenausklang: Von Hetzern, Trollen und Automaten

Stormarner Tageblatt  06.02.2021

Stormarner Wochenschau

Von Hetzern, Trollen und Automaten

Grüße vom chinesischen Staatsfernsehen...megi balzer
Grüße vom chinesischen Staatsfernsehen…megi balzer

Patrick Niemeier, Stephan Poost und Volker Stolten
Initiative
Manche Schüler, Eltern und Lehrer träumten noch davon, dass sich kurzfristig etwas ändern wird am Digitalisierungszustand der Schulen in der Kreisstadt. Doch im jüngsten Bildungsausschuss wurde klar, dass noch Jahre ins Land gehen werden. Wie in so vielen Bereichen von der Privatisierung der Krankenhäuser über Einsparungen bei sozialen Einrichtungen bis eben hin zu dem wenig mutlosen und zum Teil auch visionslosen Vorgehen bei der Digitalisierung der Schulen zeigt sich in der Pandemie wie durch ein Brennglas, dass man Entwicklungen verschlafen hat.
Gerade im überalterten Bildungssystem, das an den individuellen Talenten der Schüler oft vorbei unterrichtet, hieß und heißt es viel zu oft, „weiter so“ oder „wird irgendwie“. Im Rahmen der Digitalisierung im Schneckentempo zeigt sich, was „wird schon“ hieß. Es brauchte Lehrer, die sich Behelfsmaßnahmen überlegten: Server auf Schränken, Server die von Stühlen beschattet werden, abenteuerlich verlegte Kabel: Aber sie versuchten wenigstens etwas aus, während die Ministerien im Land schliefen. Die Corona-Krise wäre allgemein eine Chance, Unterricht und Schule neu zu denken, aber dazu fehlt im Ministerium der Mut, die Visionen und am Ende wohl auch einfach oft der Bezug zur Realität abseits der Schreibtische.

Katalysator
Corona scheint so einiges zu beschleunigen und zu verändern, dauerhaft. Home-Office zum Beispiel oder auch die Sitte, sich zur Begrüßung die Hand zu geben. Wann haben Sie das zuletzt getan? Auch Dinge, die zuvor ein Nischendasein fristeten, werden jetzt von einem größeren Publikum wahrgenommen: Milchtankstellen oder auch Automaten, an denen es Fleisch, Eier oder Honig gibt. Es gab sie schon vor Corona, aber jetzt werden sie stark genutzt, weil die Menschen das Regionale fördern wollen, weil sie Vertrauen in die heimische Landwirtschaft haben und weil sie öfter zuhause essen und damit auch besser zuhause essen wollen.
Und für die Landwirte sind diese Automaten eine gute Möglichkeit, ihre Erzeugnisse einem großen Publikum anzubieten, ohne gleich einen Hofladen eröffnen zu müssen. Auch eine Entwicklung, die nach der Corona-Pandemie sicher nicht mehr zurückgeschraubt wird.

Waldsterben
„Wie es in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“, denkt der eine. Ein weiterer fühlt sich „zwischen Baum und Borke“. Ein nächster glaubt, „er steht im Wald“. Ein anderer wiederum sieht wohl „den Wald vor lauter Bäumen nicht“. Und wieder jemand gebärdet sich, „wie die Axt im Walde“. Man kann es drehen und wenden, wie man will. Jedes dieser Sprichwörter trifft voll ins Schwarze, wenn man den Blick gen Bargteheide richtet. Dort sorgt „Kahlschlag-Gate“ weiterhin für reichlich Gesprächsstoff. Kommunalpolitik via Verwaltung. Die Gräben sind tief, die Fronten verhärtet – nicht erst seit der undurchsichtigen Waldrodung am Bornberg.
Was selten genug vorkommt: CDU, SPD, WfB und FDP ziehen an einem Strang und zu Felde und greifen die Bürgermeisterin wegen ihrer eigenmächtigen Vorgehensweise frontal an. Wirkungstreffer landen sie bislang wenige. Birte Kruse-Gobrecht hält sich bedeckt, gibt sich keine Blöße und argumentiert auf ihre eigene Art und Weise. Zielführend ist das nicht. Zielführend wäre es, den Stier einfach bei den Hörnern zu packen und Fehler einzugestehen und zu sagen: „Es ist dumm gelaufen, lassen Sie uns gemeinsam die Karre aus dem Dreck ziehen.“
Das wäre rein menschlich, das wäre eine gute Geste. Zumal man damit in der Öffentlichkeit garantiert viel besser dastünde, als mit Schuldzuweisungen in alle vier Himmelsrichtungen. Das kennt man zuhauf. Einsicht statt Fadenscheinigkeit: Das wäre das richtige Zeichen für Bargteheide, für das Gemeinwohl. Nichts anderem haben sich alle Beteiligten verpflichtet. Bitte danach handeln. Die Kuh muss vom Eis…! 

Absurd
Wer ein öffentliches Amt bekleidet, muss bereit sein, in der Öffentlichkeit zu stehen. Und das bedeutet heutzutage eben auch, dass „sie“ oder „er“ im Rahmen seiner politischen Verpflichtungen im Internet zu sehen sein kann. Zum Teil verlaufen die Diskussionen über digitale Stadtverordnetenversammlungen aber absolut absurd.
Es klingt an, dass tatsächlich irgendwo in China oder Amerika hinterhältige Aktivisten sitzen könnten, die dann die Oldesloer Sitzungen mitschneiden und diese missbrauchen, indem sie Aussagen in falsche Zusammenhänge stellen. Vielleicht wäre es bei diesem großen Interesse sogar eine Einnahmemöglichkeit, Werbung zu verkaufen und einzublenden. Schlimmer ist, dass ein Verzicht auf Internet-Übertragungen nicht ein Sieg über die Trolle und Hetzer ist, sondern umgekehrt der Sieg der Hetzer und Trolle.

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