Corona und Brexit: So kommt Herose durch die Doppel-Krise

Lübecker Nachrichten   07.02.2021

Wie kommt ein lokales, aber weltweit operierendes Unternehmen mit den neuen Herausforderungen klar? Die LN haben bei der Firma Herose in Bad Oldesloe nachgefragt

Von Markus Carstens

Bad Oldesloe. Die Firma Herose (eigene Schreibweise HEROSE) aus Bad Oldesloe stellt Armaturen und Sicherheitsventile für die Industrie her und ist mit ihren sechs Tochtergesellschaften weltweit tätig. Auch in China hat Herose einen Standort und wurde so schon frühzeitig mit dem neuartigen Coronavirus konfrontiert.

„Ein großes Meeting unserer Gruppe im Januar haben die chinesischen Kollegen mit Verweis auf Corona abgesagt“, berichtet Geschäftsführer Dirk Zschalich im Videointerview mit den LN. „Damals haben wir noch geglaubt, das Virus bleibe wie zum Beispiel Sars auf den asiatischen Raum begrenzt.“ Es sollte ganz anders kommen.

Wie im Film gefühlt

„Das hat ja niemand für möglich gehalten“, sagt Zschalich, der seit 2004 das Familienunternehmen als geschäftsführender Gesellschafter leitet, und fühlte sich an einen Hollywood-Blockbuster erinnert. Während in China nach sechswöchigem totalen Shutdown die Firmenaktivitäten schon wieder hochgefahren wurden und die dortige Gesellschaft am Ende sogar ein Rekordjahr hinlegte, sorgte das Coronavirus in Bad Oldesloe für einen riesigen Einschnitt.

„Unser Grad der Digitalisierung war noch nicht so ausgeprägt“, gibt Dirk Zschalich zu, „aber wir haben dann schnell reagiert.“ Aus Telefonkonferenzen wurden Videochats, und es wurden umgehend mobile Endgeräte für die Arbeit im Home Office angeschafft. „Unsere IT hat da einen tollen Job gemacht.“ Es habe eine große Bereitschaft unter der Belegschaft gegeben, ins heimische Büro zu wechseln, sich zugleich aber auch untereinander abzustimmen, wer wann wo arbeitet.

Desinfektionsmittel statt Dienstreisen

„Auf der Fertigungsebene war das natürlich nicht so einfach. Wir konnten ja keine CNC-Fräse ins Wohnzimmer stellen“, so der 46-jährige Geschäftsführer mit einem Augenzwinkern. Für die rund 190 der insgesamt 355 Mitarbeiter in Bad Oldesloe wurden deutlich erweiterte Arbeitszeiten eingerichtet (zwischen 6 und 0 Uhr), damit diese auch ihre Kinderbetreuung organisiert bekommen. Herose wurde für seine Familienfreundlichkeit bereits mehrfach ausgezeichnet.

Und es sollten natürlich deutlich weniger Menschen zur gleichen Zeit in der Firma sein. Ein Hygienekonzept wurde ausgearbeitet, Desinfektionsmittel und Masken angeschafft und die üblichen AHA-Regeln verfügt. Es gab kaum Dienstreisen, kaum Besuche; und das ganze Konzept wurde auch über den Sommer so beibehalten. Der Lohn der Mühen: Es gab bis heute nur fünf Corona-Fälle, die sich nach Aussage der Geschäftsführung alle nicht in der Firma, sondern im familiären oder Freundeskreis ansteckten.

Da Herose zum Beispiel auch in Spanien, Australien und Indien mit eigenen Standorten tätig ist, musste sich das Unternehmen mit verzögerten Corona-Ausbrüchen und zeitlich unterschiedlichen Lockdowns auseinandersetzen. „Die Gesundheit der Mitarbeiter hatte und hat stets und überall oberste Priorität“, betont Zschalich.

Kurzarbeit musste Herose nicht anmelden, auch auf staatliche Hilfen ist man in Bad Oldesloe nicht angewiesen. „Ein Prozentpünktchen fehlte, und wir hätten fast unser für 2020 gestecktes Firmenziel erreicht“, sagt der Geschäftsführer. „Wir haben auch das Instrument der Steuerstundung genutzt, hatten aber keine Liquiditätsprobleme.“ Im Gegenteil: Herose verbucht für das abgelaufene Jahr ein Wachstum von acht Prozent, erzielte einen Umsatz von rund 80 Millionen Euro weltweit.

Das Unternehmen profitierte in der Krise davon, dass maßgeblich in medizinischen Sauerstoff investiert wurde. Denn auch dafür liefert Herose Ventiltechnik. „Auch den so schwarz gemalten Trend in der Kreuzfahrtbranche kann ich so noch nicht bestätigen“, erklärt Zschalich. Herose stellt in diesem Bereich Produkte für die Flüssiggas-Versorgung her. Probleme bereitet aktuell vielmehr die Einhaltung von Lieferketten, so dass Herose die eigenen Lagerbestände erhöhen musste. „Im ersten Lockdown haben uns Probleme bei einem Zulieferer aus Norditalien stark getroffen, doch am Ende konnten wir sogar dem Betrieb helfen“, berichtet Dirk Zschalich. Momentan funktionierten alle Logistikketten nur verzögert, egal ob auf der Schiene, in der Luft oder auf See.

Seit Jahren auf den Brexit vorbereitet

Mitten in die Corona-Krise kam nun auch noch der Brexit. „Darauf waren wir und unsere Tochtergesellschaft in England aber seit Jahren vorbereitet“, betont der Geschäftsführer. „Bisher haben wir keine Verluste dort gemacht.“ Ohnehin sei der Umsatz dort mit rund drei Prozent des Gesamtvolumens überschaubar. Nichtsdestotrotz habe der Standort in England mit einem erhöhten bürokratischen Aufwand zu kämpfen.

Sorge bereitet Zschalich vielmehr die künftige Zulassung der Produkte durch neue technische Standards. „Brauchen wir ab 2022 neue Audits? Da ist vieles noch nicht bekannt.“ Der Standort in England stehe aber überhaupt nicht infrage. Die Geschäftsführung geht davon aus, dass er sich weiter positiv entwickeln wird.

Starkes Wachstum, viele Auszubildende

Apropos: Am Hauptstandort Bad Oldesloe ist Herose in den vergangenen zehn Jahren extrem stark gewachsen. Aus rund 190 wurden 355 Mitarbeiter, die zumeist aus Stormarn, Lübeck, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern kommen. Dafür hat das Unternehmen zuletzt auch viel ausgebildet, sowohl im kaufmännischen als auch im gewerblichen Bereich sowie im Bereich des dualen Studiums.

Dieses Jahr würden etwas weniger neue Auszubildende eingestellt werden, sagt er, was aber nichts mit der Corona-Krise zu tun habe. „Wir haben den Anspruch, für unseren eigenen Bedarf auszubilden und den jungen Leuten eine Perspektive hier im Betrieb zu bieten“, so Zschalich, der ursprünglich Hamburger ist und in Norderstedt wohnt. Für 2021 rechnet er mit einem stabilen Ergebnis ohne großes Wachstum. „Ich bin verhalten optimistisch.“

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