Schulsozialarbeit bleibt ein kontroverses Thema

Stormarner Tageblatt  08.02.2021

Bad Oldesloe: CDU kritisiert teilweise aus dem Vorjahr kopierten Bericht und verweist auf angespannte Finanzlage der Stadt

Patrick Niemeier
Bad Oldesloe Wenn es um Kinder, Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen oder die Schwachen der Gesellschaft geht, werden Diskussionen oft unsachlich und emotional. Da machen die politischen Ausschüsse in Bad Oldesloe seit Jahren keine Ausnahme. Wer will sich auch schon hinstellen und scheinbar Menschen in einer vermeintlichen Krisensituation die Hilfe verweigern? Und so wird auch die Diskussion darüber, ob es zu wenig Schulsozialarbeit in Bad Oldesloe gibt, immer weiter relativ emotional geführt. Sie dreht sich dabei scheinbar seit längerer Zeit im Kreis. Ursprünglich war schon vor einigen Monaten politisch mehrheitlich entschieden worden, dass es ein Konzept geben müsse, wie Schulsozialarbeiter eingesetzt werden sollen. Anita Klahn (FDP) hatte es beantragt und vor der mehrheitlichen Zustimmung auch Entrüstung geerntet.
Als jetzt der aktuelle Bericht der Schulsozialarbeit in der Stadt vorgelegt wurde, war noch kein Konzept enthalten und auch viele Ausführungen blieben ein wenig vage. Es fehlen teilweise Verweise auf wissenschaftliche Quellen zur Gesamtgemengelage. Manche sachlichen Ausführungen werden durch auch hier emotionale Berichte unterbrochen. Manche Lokalpolitiker äußerten, dass sie das Thema durchaus bewegt habe.
Die CDU bewertete den Bericht etwas anders. Denn Jörn Lucas (CDU) fiel auf, dass nur Teile des Berichts sich überhaupt vom Vorjahr unterschieden. „Wir bezweifeln nicht, dass es Schulsozialarbeit in Bad Oldesloe geben muss. Wir bezweifeln auch nicht, dass es Probleme gibt, aber dieser Bericht enthält teilweise nur einige neue Zeilen auf einigen Seiten“, sagte Lucas. Zum Teil gehe der vorgelegte Bericht dann trotz 27 Seiten auch nicht genug auf die aktuellen Probleme ein, sondern wiederhole nur, was man schon in Vorjahren zu hören und zu lesen bekommen habe. Eine Möglichkeit wäre, es, dass Veränderungen deutlich markiert werden, regte Lucas an. Die Verwaltung sagte zu, das in Zukunft anzuregen. Bürgermeister Jörg Lembke wies darauf hin, dass einige Lokalpolitiker den Bericht ja zum ersten Mal vorgelegt bekämen.
Dargelegt wird in den Bericht unter anderem, dass die Zahl der Einzelinterventionen weiter zugenommen habe. Die Erziehungskompetenz vieler Eltern nehme offenbar ab. Es komme somit unter Schülern vermehrt zu Streitereien und Auseinandersetzungen.
„Wir bleiben dabei: Es gibt genug Schulsozialarbeiter in Bad Oldesloe. Wenn die alle machen würden, was sie machen sollen, dann hätten wir genug Kräfte in dem Bereich. Aber wenn da jedem Schüler geholfen wird, der traurig ist, weil er seinen Turnbeutel im Bus vergessen hat, dann sind das vielleicht zu viele Aufgaben“, sagt Horst Möller (CDU). Daher sei die CDU dafür, dass es klarer umrissene, fest geplante Arbeitsaufgaben und Konzepte gebe.
Die Schulsozialarbeit ist eine freiwillige Leistung der Stadt, sie könnte mit Blick auf die Haushaltssituation langfristig sogar reduziert werden. Eine Mehrheit der Lokalpolitiker sieht die Finanzierung dieser Aufgabe nämlich beim Land. Doch das stellt sich dort bisher quer und lässt die Gemeinden mit den Kosten und den Problemen alleine.
Allgemein taucht in der Diskussion immer wieder der Punkt auf, dass an den Symptomen gearbeitet werde, aber zu wenig an den Ursachen. Man könne die Eltern nicht immer mehr aus der Pflicht entlassen. Kinder die zu viel vor der Konsole oder am Handy hängen, keinen Sport betreiben, sozial inkompetent seien, Gewalt- oder sogar Drogenprobleme haben — das alles könne nicht vor allem in der Schule aufgefangen werden. Die Antwort auf diese Herausforderungen könne nicht immer mehr Schulsozialarbeit sein.
Manche Schulsozialarbeiter, so der Verdacht der CDU, hängen sich zu sehr rein und wollen ganze Familie retten, wo vielleicht professionelle Familienhelfer, das Jugendamt und andere Institutionen tätig werden müssten. „Es ist menschlich doch zu verstehen: Wenn ich einen sozialen Job ergriffen habe, dann habe ich einen bestimmten Blickwinkel auf die Dinge. Dann möchte ich helfen. Dann möchten ich diesen Menschen auch nicht absprechen. Aber es ist dann halt nicht der richtige Rahmen, dass das alles über die Schulsozialarbeit passieren muss“, erklärt Möller. Viele Menschen im sozialpädagogischen Sektor hätten aus seiner Sicht eben auch eine Art Helfer-Syndrom. Es könne nicht Aufgabe der Stadt sein, dies zu finanzieren.
Ein generelles Problem zeige sich dann eben auch in solchen Berichten. Wenn ein Mitarbeiter aus dem schul- oder sozialpädagogischen Sektor die Probleme beschreibe, dann tue er das aus seiner Sicht und mit seinem Anspruch an die Gesellschaft. Man erwarte natürlich, dass die Berichte neutral und rein faktenorientiert und nicht emotional verfasst werden. Vielleicht könne es helfen, wenn eher neutrale Experten Berichte verfassten und nicht direkt Betroffene, bei denen es auch darum ginge, wie viele Mitarbeiter ihrem Bereich zur Verfügung gestellt werden. Es sei eine Überlegung wert, Bestandsaufnahmen von externen Unabhängigen verfassen zu lassen, so die CDU.
Bei dermaßen langen Berichten schleiche sich manchmal der Verdacht ein, dass man darauf setze, dass die nicht ganz gelesen oder verstanden werden. „Die Berichte werden immer umfangreicher. Wir sind sehr bemüht sie immer alle zu lesen, aber als ehrenamtlicher Politiker ist das teilweise nicht mehr zu bewerkstelligen“, sagt Möller. Und auch Jörn Lucas betont, er wünsche sich, dass man mehr auf den Punkt komme und die wichtigen neuen Veränderungen oder Anforderungen beschreibe.
Hendrik Holtz (Die Linke) betont, dass jede Einsparung im Bereich der Schulsozialarbeiter der Gesellschaft später auf die Füße falle. Und auch Tom Winter (Familienpartei/Stadtfraktion) sagte, dass die identischen Passagen im Bericht doch nur zeigen würden, dass sich nichts verbessert habe. Das sollte zu denken geben. Trotz mehr Personal einsetze, scheinen die Probleme sich nicht zu verbessern – es sei also mehr Hilfe notwendig.
Damit diese zielgerichtet eingesetzt werden könne, wies Anita Klahn nochmals darauf hin, dass sie sich eine Erstellung des politisch in Auftrag gegeben einheitliche Konzept mit Aufgabenbeschreibungen für Bad Oldesloer Schulsozialarbeiter wünsche. Nur dann sei eine sachliche Diskussion möglich.
„Wir sind da dran, aber es geht hier um Schulsozalarbeit und nicht um Steuerakten, das ist ein komplexes Thema und die Ansprüche und Anforderungen der Bad Oldesloer Schulen sehr unterschiedlich“, so Bürgeramtsleiter Thomas Sobczak.
„Wir müssen solche Themen diskutieren können, ohne dass jemand sofort aufschreit, nur weil es um Kinder oder Benachteiligte geht. Natürlich nimmt einen das auch mal mit, wenn einem an den Kopf geworfen wird, man sei unsozial oder interessiere sich nicht für die Schicksale. Doch wir müssen das unemotional diskutieren“, sagt Möller. Und: Gerade mit Blick auf den stark defizitären Haushalt in Bad Oldesloe müsse klar sein, dass es nicht immer nur mehr geben könne.

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