Herzkranker fühlt sich von der Stadt herzlos behandelt

Stormarner Tageblatt  11.02.2021

Nachdem sein Pkw vor einer Arztpraxis nicht wieder ansprang, erhielt ein Mann von der Oldesloer Stadtverwaltung ein Knöllchen

Patrick Niemeier
Bad Oldesloe Thorsten Merle ist fassungslos, wenn er über seinen Fall berichtet. Vor einigen Wochen sei der herzkranke und gehbehinderte Mann aus der Klinik gekommen und musste noch Papiere in einer Arztpraxis in der Lübecker Straße abgeben. Seine Frau ließ ihn dort schnell direkt vor der Tür raus, berichtet er.„Es gelten ja Corona-Bedingungen, daher musste ich in der Praxis kurz warten. Meine Frau blieb im Fahrzeug vor der Tür, damit wir schnell wieder loskönnen“, berichtet er. Er sei schließlich gerade aus der Klinik gekommen. Schon ungefähr eine Minute später sei aber eine Mitarbeiterin der städtischen Bußgeldstelle am Fahrzeug erschienen. Auf den Hinweis, man fahre sofort weg und als die Situation erklärt war, habe sie zunächst eingelenkt.
Dann sei das Fahrzeug älteren Baujahrs allerdings nicht direkt wieder angesprungen. „Zwei Männer halfen uns zum Glück mit dem Anschieben und wir sind weggefahren. Die Mitarbeiterin beobachtete das nur“, sagt Merle. Man sei noch froh gewesen, dass die Mitarbeiterin der Stadt Verständnis gezeigt habe.
Kurze Zeit darauf fand man aber dann doch einen Bußgeldbescheid im hauseigenen Briefkasten vor. 15 Euro sollte Merle zahlen. Das Foto des Fahrzeugs wurde offenbar angefertigt, als sie wegfuhren. „Das fanden wir schon enttäuschend“, sagt er. Aber man dachte, dass es vielleicht ein Missverständnis sei. „Meine Frau hat sich an die Verwaltung gewandt und Widerspruch eingelegt mit dem Hinweis darauf, dass das vor Ort ja geklärt gewesen sei“, sagt Merle. Man habe sich auf die Zusage der Mitarbeiterin verlassen.
Einige Zeit später gab es allerdings wieder Post von der Stadt Bad Oldesloe. Der Widerspruch sei abgelehnt und stattdessen nun 45 Euro aufgerufen worden. Finanziell gehe es nach eigener Aussagen aufgrund der Corona-Maßnahmen dem Paar momentan schlechter als normalerweise, so dass sie vorschlugen, als Kompromiss die 45 Euro in zwei Raten zu zahlen, um weiteren Ärger zu vermeiden. „Das wurde von der Stadt abgelehnt. Das könne man erst ab 100 Euro zulassen“, erzählt der Betroffene. Er sei massiv enttäuscht. Hätte man gewusst, dass es länger beim Arzt dauert, hätte man selbstverständlich einen anderen Parkplatz gewählt. Er verstehe nicht, dass die Mitarbeiterin so wenig Fingerspitzengefühl hatte. Noch schlimmer sei es, dass man ihnen vor Ort etwas anderes zusagte. „Dann hintenrum doch das Knöllchen schreiben, setzt dem Ganzen die Krone auf“, sagt Merle.Im Endeffekt sei man chancenlos gegen dieses Vorgehen und das enttäuschend unempathische Verhalten, das schon ein wenig nach Abzocke aussehe. Man wolle es aber nicht so hinnehmen und wende sich daher jetzt an die Öffentlichkeit.
Die Mitarbeiter der Bußgeldstelle in Bad Oldesloe sind bereits mehrfach stark in die Kritik geraten. Ihr Auftreten schade der Stadt Bad Oldesloe in Sachen Image und Außenwirkung, hieß es mehrfach. Die fehlende Empathie sei dabei das entscheidende Problem. Sie würden über keine geeigneten Kommunikationsstrategien in Konfliktsituationen verfügen. Kürzlich musste die Fahrerin eines Pkw mit Behindertenausweis ein Bußgeld bezahlen, weil sie nicht platzsparend genug parkte. Allerdings lag das bei ihr daran, dass sie Platz zum Ausladen des Rollstuhls brauchte. Ein Umstand der den Mitarbeitern wohl vor Ort nicht in den Sinn kam. Auch hier war die Kritik scharf. Der Widerspruch wurde trotz Erklärung aber abgelehnt. Auch hier wurde statt Verständnis das Bußgeld weiter erhöht. Die Verwaltung hat mehrfach darauf hingewiesen, dass die Mitarbeiter der entsprechenden Abteilung immer häufiger Beleidigungen und Drohungen ausgesetzt seien, was ein resoluteres Auftreten auslösen könne. Man bitte daher um Verständnis. Es sei kein einfacher Job. In den meisten Fällen seien sie auch absolut im Recht. Es sei schon schwer genug Mitarbeiterinnen für diesen Job zu finden, der fast nur auf Antipathie in der Bevölkerung trifft.
Bürgermeister Jörg Lembke weist außerdem regelmäßig darauf hin, dass die Auslegung von Recht nichts mit „Augen zudrücken“ zu tun habe. Wenn ein Fehlverhalten vorliege, liege ein solches vor und werde sanktioniert. Nach Tageblatt-Rückfrage entschied sich die Stadt, den konkreten Fall nicht zu kommentieren.

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