Betrachtungen zum Wochenausklang

Stormarner Tageblatt  06.03.2021

Stormarner Wochenschau

Betrachtungen zum Wochenausklang

Karikatur: Megi Balzer
Karikatur: Megi Balzer

Patrick Niemeier, Stephan Poost und Volker Stolten
Gut gemeint Das Gegenteil von gut, das wissen wir ja, ist oft gut gemeint. Zu viele Lockerungen und Öffnungsschritte in Corona-Zeiten wirken weltfremd und am Schreibtisch entstanden. Natürlich ist es irgendwie nett gemeint, dass Fitnessstudios öffnen dürfen, nur unter den gegebenen Bedingungen hat das mit einem Fitnessstudiobetrieb wenig bis nichts zu tun. Die kurzfristige Öffnung des Handels stellt viele Einzelhändler vor ein Problem. „Mache ich jetzt nicht auf, verstehen das meine Kunden nicht, mach ich auf, habe ich zum Teil noch gar keine richtige Ware“, erklärte eine Kauffrau gegenüber dem Tageblatt. Gleichzeitig wundert man sich über die Kommunikationsstrategien.
Wie im Wahlkampfmodus verkündet der Ministerpräsident erstmal etwas, was dann aber noch genauer ausgearbeitet werden muss und am Wochenende veröffentlicht wird, während es dann ab Montag gelten soll. Das hat mit der Lebenswirklichkeit wenig zu tun. Immer mehr bekommt man außerdem den Eindruck, dass der Schlingerkurs der Politik in Richtung Kapitulation und Resignation neigt. So nimmt man die Bürger trotz des guten Willens am Ende dann nicht mit, sondern surft gemeinsam durch falsche Signale nur in die dritte Corona-Welle.

Freud und Leid Während die einen leiden, freuen sich die anderen. Das ist oft so im Leben, auch in Corona-Zeiten. Die Fahrradwerkstätten und -händler sowie die Hersteller zum Beispiel können gar nicht so schnell liefern, wie die neuen Drahtesel verlangt werden, in der Gastronomie, in der Veranstaltungsbranche und im gesamten Kulturbetrieb zerbröseln Existenzen. Die Gesellschaft, wir alle also, sollte das im Auge haben, bei aller Freude über neue Freiheiten, die nun folgen. Wie gesagt, es ist nicht nur in der Corona-Krise so. Bei jedem Wandel von Strukturen schließen sich Türen und öffnen sich neue. Jeder einzelne kann das auch als Chance begreifen, als Möglichkeit zu neuen Ufern aufzubrechen.
Tausende neue Ideen sind während der vergangenen zwölf Monate entstanden, viele werden nicht wieder verschwinden. Es ist einfach, so zu schreiben, wenn die Existenz nicht auf der Kippe steht. Aber es ist auch die einzige Art und Weise mit Krisen umzugehen, wenn man nicht den Kopf in den Sand stecken will. Das klappt jedoch nur, wenn diejenigen, die nicht so stark unter der Krise leiden, jenen unter die Arme greifen, die um ihre Existenz bangen.

Wertvoll Mailand, London, Paris war gestern. Heute heißt es: „Meddewade, 8.30 Uhr, wieder mal Regen. Perfekter Halt fürs Haar. Zwischenstopp in Reinfeld. Es ist ziemlich windig. Perfekter Sitz fürs Haar. Weiterfahrt nach Rausdorf. Perfekter Schutz fürs Haar.“ Die Frisur sitzt (wieder)!
Endlich, nach elf Wochen Shutdown. Das Problem hat im Kleinen wie im Großen dieselbe Wirkung und ist zum Haare raufen. Egal ob Mailand oder Meddewade. Das Corona-Virus breitet sich aus und ebenso die Corona-Matte. „Kopfsalat“ ohne Ende! Zumindest in Schleswig-Holstein kommt nach der Öffnung der Friseursalons die Haarpracht wieder in Form, erhält Glanz und Volumen. Die Frisur ist wieder gesellschaftsfähig und macht ganz deutlich: Nie war der Friseur-Beruf so wertvoll wie heute.
Er sollte endlich den Stellenwert erhalten, den er verdient. Der Slogan kommt ja schließlich nicht von ungefähr: „Das Handwerk hat goldenen Boden.“ Und diese gute Handwerkskunst ist so was von systemrelevant. Was ist dagegen schon ein hochdotierter Managerposten. Noch Fragen?

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