Stormarner Wochenschau: Zwischen Ungeduld und Frust

Stormarner Tageblatt  20.03.2021

Stormarner Wochenschau

Zwischen Ungeduld und Frust

Karikatur: Megi Balzer
Karikatur: Megi Balzer

Patrick Niemeier und Stephan Poost
Ende der Geduld

Man könne es nur falsch machen, sagte Bad Oldesloes Bürgermeister Jörg Lembke kürzlich. Und ja, es ist für uns alle die erste Pandemie mit diesen Ausmaßen und das sollte man tatsächlich im Hinterkopf behalten. Lange Zeit war die Oldesloer Stadtverwaltung sehr geduldig mit ihren Mitbürgern was Maskenpflicht und Kontaktbeschränkungen angeht. Aber die Geduld hat sich nicht ausgezahlt. Dankbarkeit hat sie nicht ergeben, eher Geläster über scheinbar schwachen Behörden, die Regeln nicht durchsetzen können. Regeln, die keine Konsequenzen mit sich bringen, funktionieren leider nicht. Allerdings ist es ziemlich traurig, dass man von Woche zu Woche mehr das Gefühl bekommt, dass so manche Stormarner sich nur an die Corona-Regeln halten, wenn sie streng kontrolliert werden. Auf Landesebene irrt man sich gewaltig, dass der Schlingerkurs von diese Woche geöffnet und nächste vielleicht wieder nicht und Außengastronomie bestimmt und dann doch nicht, irgendwo als freundliches Entgegenkommen gesehen wird. Das Gegenteil ist auch hier der Fall. Der Schlingerkurs der Öffnungsschritte, die zur früh kamen, weil es einfach nicht genug Testmöglichkeiten und eine Impfstrategie im Schneckentempo gibt, verspielt Vertrauen. Man sollte den Bürgern reinen Wein einschenken. Natürlich öffnen Kitas und Schulen vor allem auch, damit die Eltern arbeiten gehen können und natürlich erfolgen Öffnungsschritte vor allem auf Grundlage eines wirtschaftlichen Drucks. Dabei sollte gerade im Wahljahr so mancher Politiker aufpassen, dass er nicht populistischen Forderungen erliegt, um sich ein paar Wahlstimmen zu sichern.

Bürokratiemonster I

Kein Ahnung, was passiert, wenn man politische Karriere macht. Aber irgendwie muss der Eindruck aufkommen, dass der Realitätsbezug nach und nach verloren geht, wenn man zu oft im Plenarsaal ist. Die Kita-Reform in ihrer jetzigen Form scheint wieder ein Beispiel dafür. Was sich in den Diskussionen bereits seit einem Jahr zeigte, bildet sich mittlerweile in der Realität auch ab. Gerade kleinere Anbieter von Kinder-Betreuungsangeboten kämpfen mit den Bürokratiemonstern und Regelungen, die daran zweifeln lassen, ob es wirklich um die optimale Bildung und Betreuung der Kinder geht, oder um ein Kitasystem, das wie eine Wirtschaftsunternehmen aufgebaut ist. Fakt ist: Kleine Anbieter können sich Regress-Forderungen nicht leisten, die anfallen können, wenn Betreuungsangebote kurzfristig ausfallen, was aber Alltag ist. Und so werden sich große Anbieter durchsetzen und das Kita-Projekt, das aus einem privaten Elternverein entsteht, wird immer weniger Chancen haben. Ist das wirklich gewünscht? Die Durch-Optimierung ist nicht immer der richtige Weg. Vor allem müssen sich Entscheider die Frage stellen, ob sie tatsächlich ihren Bezug zur Realität wahren oder immer neue komplexe Gesetzes- und Vertragswerke auf den Weg bringen wollen, die am Ende eher Steine sein können, die im Alltag im Weg liegen.

Impffrust

Frust? Es ist schon seltsam. Sonst kann es den Menschen gar nicht sicher genug zugehen und sobald ein Risiko besteht, ist das Geschrei groß oder es wird eine Versicherung abgeschlossen, sei sie auch noch so teuer. Beim Impfen hingegen scheint das gar keine Rolle mehr zu spielen. Nachdem das RKI und damit die Bundesregierung auf Nummer sicher gegangen sind und die Impfungen mit Astrazeneca ausgesetzt haben, schlägt der Frust bei Impfwilligen durch und Sicherheitskräfte musste in den Impfzentren für Ordnung sorgen. Die Nerven liegen blank und uns allen steht etwas mehr Gelassenheit gut zu Gesicht. Man fragt sich angesichts solcher Nachrichten, wie dünn die Schicht des zivilisierten Umgangs ist. Was macht unsere Gesellschaft bei einer Krise, in der sich der Einzelne nicht so einfach schützen kann? Bevor nicht alle geimpft sind, wird es kaum Normalität geben, das sollten wir uns vor Augen führen. Da ist die Reihenfolge schon fast zweitrangig.

Bürokratiemonster II

Ob Impfterminvergabe oder eben Kita-Reform – immer häufiger kommt das Gefühl auf, dass der Staat beginnt, sich an der eigenen Bürokratie zu verschlucken. Die Dinge werden scheinen oft verkopft, möglichst perfektioniert durchgeplant und mit einer Vollkasko-Mentalität ausgestattet. Jede Möglichkeit und jede Eventualität möchte bedacht sein, jeder Fallstrick erkannt und alle Entscheidungsebenen eingebunden. Entstehen tun dabei unbewegliche Bürokratiemonster, die zum Teil an Loriot-Sketche erinnern, in der Realität aber nicht so lustig sind, weil Verantwortung auch von einem Bereich in den anderen abgeschoben wird.

Chance oder Fluch?

Wie es am Freibad Poggensee weitergeht, steht noch immer nicht fest. Ironischerweise könnte das Pech der Bargteheider zum Glück der Oldesloer werden. Denn der mögliche Ausfall der Badesaison in Bargteheide, könnte Personal für Bad Oldesloe freimachen. Doch das ist ein Zufallsprodukt und kein Konzept. Der Streit darüber, ob man sich ein Freibad leisten will, ist entbrannt. Auch diese Diskussion ist wiedermal das Aufeinandertreffen verschiedenster Erwartungshaltungen. Während viele Bürger und manche Fraktionen ein Freibad für eine Daseinsvorsorge und einen wichtigen Anteil der Freizeitgestaltung halten, sind andere eher auf Konzeptänderungen aus und noch andere verweisen vor allem auf Wirtschaftlichkeit und erwecken den Eindruck ein Freibad sei Luxus. Natürlich könnte eine neuer Betreiber eine Chance sein, aber ob ein unbewachtes Freibad auf der anderen Seite positiv verkauft und gewendet werden kann, ist fraglich. Auch wenn der Bürgermeister wieder viel Vertrauensvorschuss in seine Bürger geben möchte. Anwohner hingegen fürchten jetzt schon nächtliche Partys und Müllberge.

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