„Landrat zu sein, erfüllt mich persönlich sehr“

Stormarner Tageblatt  30.04.2021

Stormarns Kreischef Dr. Henning Görtz zieht im umfangreichen Interview eine Zwischenbilanz nach fünf Jahren im Amt

Stormarns Landrat Dr. Henning Görtz (l.) mit Kreisbrandmeister Gerd Riemann und Kreispräsident Hans-Werner Harmuth bei einer Veranstaltung des Kreisfeuerwehrverbands. Niemeier
Stormarns Landrat Dr. Henning Görtz (l.) mit Kreisbrandmeister Gerd Riemann und Kreispräsident Hans-Werner Harmuth bei einer Veranstaltung des Kreisfeuerwehrverbands. Niemeier

Patrick Niemeier

Es war ein bewusster Weg, den Dr. Henning Görtz 2016 einschlug, als er sich als Kandidat für den Landrats-Posten in Stormarn aufstellen ließ. Zuvor war er mehrere Jahre lang Bargteheider Bürgermeister gewesen. Viel ist seitdem passiert, zahlreiche Herausforderungen warteten auf Görtz in der Kreisverwaltung. Dazu zählt natürlich auch seit über einem Jahr die Corona-Pandemie. Im Interview mit dem Stormarner Tageblatt berichtet er ausführlich über die vergangenen Jahre, erreichte Ziele und noch ausstehende Projekte.

Fünf Jahre Stormarner Landrat – gab es einen Moment, an dem Sie den Schritt vom Bargteheider Bürgermeister in dieses Amt bereut haben?

Nein, keinen einzigen Moment. Die fünf Jahre waren trotzdem nicht nur eine leichte Zeit. Vor allem die Corona-Pandemie ist natürlich seit einem Jahr ein Thema, das einen von der Situation her belastet, aber außerdem auch einschränkt in der täglichen Arbeit. Das ändert allerdings nichts daran, dass ich überzeugt davon bin, dass es ein richtiger und wichtiger Schritt war, aus Bargteheide zum Kreis zu wechseln, was mich persönlich auch sehr erfüllt.

Ist der Job als Landrat so, wie Sie ihn sich vorgestellt haben? Fühlten Sie sich gut vorbereitet?

In den allermeisten Bereichen war ich gut darauf eingestellt. Zum einen war ich schon lange gut im Kreis vernetzt durch meine politische Tätigkeit und mein Amt als Bürgermeister. Es gibt außerdem viele Parallelen zur Arbeit eines Bürgermeisters. Das sind drei Säulen. Erstens: die Verwaltung leiten – das Management. Zweitens: das wichtige Zusammenspiel zwischen Politik und Verwaltung organisieren. Ohne Politik geht nichts. Da muss man offen und fair miteinander umgehen, was aus meiner Sicht hier gut und vertrauensvoll funktioniert. Der direkte Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern, Vereinen und der Wirtschaft ist die dritte Säule, die mir gerade natürlich sehr fehlt.

Was waren bisher Projekte, die in den fünf Jahren aus Ihrer Sicht richtig gut funktioniert haben?

Ich möchte da zunächst einmal die Dinge nennen, die nicht selbstverständlich sind, aber unseren Kreis seit vielen Jahren prägen: die Schuldenfreiheit, das gute Verhältnis mit den Kommunen und das gute Verhältnis in der Politik. Diesen Dreiklang – das „Stormarner Modell“ – konnten wir gemeinsam stabilisieren und zwar über die letzte Kommunalwahl hinaus, nach der sich das ja auch hätte verschlechtern können. Das war und ist mir wichtig.

Und konkrete Projekte ?

In Sachen Sicherheit haben wir zum Beispiel einen großen Schritt nach vorne gemacht: Wir haben die neue Rettungsleitstelle auf den Weg gebracht, das Rettungszentrum, den Katastrophenschutz gestärkt. Wir haben die Kommunen dabei unterstützt, die Feuerwehren modernisieren zu können. Dafür wurden finanzielle Mittel bereitgestellt, aber auch die Einigkeit politisch und mit den Feuerwehren darüber hergestellt. Außerdem haben wir weiter in Bildung investiert. Nicht nur in Gebäude sondern auch zum Beispiel in die Digitalisierung unserer drei Schulen, die nun richtig gut aufgestellt sind für die Zukunft. Wir haben auch andere Dinge vorangebracht, für die wir als Kreis verantwortlich sind,wie z.B. die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes vor Ort. Das war auch eine riesige Herausforderung für den „Fachbereich Soziales“, wo sich viel verändert hat als Reaktion auf die neue Gesetzeslage.

Der Kreis ist ja auch ein großer Arbeitgeber im Kreis. Wird das zu oft noch übersehen?

Zum Teil ja. Wir haben die Zahl der Nachwuchskräfte in den verschiedenen Laufbahnen deutlich erhöht von acht auf 16. Wenn Sie das auf drei Jahrgänge rechnen, sehen Sie, dass wir hier 48 Nachwuchskräfte im Haus beschäftigen. Wenn ich aber natürlich sehe, dass wir uns hier im Kreis im Wettbewerb mit anderen Arbeitgebern befinden wie neben den übrigen Kommunalverwaltungen beispielsweise auch mit der Polizei, dem Finanzamt oder der Arbeitsagentur, die hier ja auch stark vertreten sind, sehen Sie einen riesigen Wettkampf um die Arbeitskräfte. Wir müssen davon wegkommen, dass wir uns die Leute abjagen. Das ist ein großes Problem im öffentlichen Dienst. Jeder der zu uns kommt, reißt momentan woanders ein Loch. Das ist nicht in unserem Interesse. Darum müssen wir zum Beispiel auch Quereinsteiger motivieren, in die Verwaltungen zu wechseln. Denn wir konkurrieren nicht nur mit anderen Verwaltungen, sondern sollten uns so attraktiv aufstellen, dass wir auch mit anderen Branchen konkurrieren können. In einem Kreis mit nahezu Vollbeschäftigung – trotz der Pandemie sind es ja zum Glück nur knapp vier Prozent Arbeitslosigkeit – sind alle darauf angewiesen, Personal zu gewinnen.

In der Pandemie hat man den Eindruck gewonnen, dass der Kreis verstärkt auch in den sozialen Medien präsent ist. Ist das etwas, was sie mit angestoßen haben?

Ja. Rein formal würde es vielleicht ausreichen, wenn wir hier einen Schaukasten aufstellen, ein paar Zettel aushängen und sagen, dass damit die Öffentlichkeit hinreichend informiert ist. Aber das ist ja nicht der Weg, die Menschen zu erreichen. Wir brauchen alle Kanäle, die uns zur Verfügung stehen. Das ist natürlich weiterhin die Presse, das ist das Internet und das ist dann eben auch Social Media. Und gerade den dritten Bereich haben wir in den letzten Monaten verstärkt. Da sind wir schon getrieben von der Pandemie etwas schneller vorangekommen. Ich wünsche natürlich allen Zeitungen, dass Sie viele Leser und Abonnenten haben. Aber es gibt Menschen, die nicht jeden Tag eine Zeitung aufschlagen und auch die wollen wir erreichen. Der Social Media Weg ist dafür sehr wichtig, das haben wir mittlerweile verstanden.

Aber gerade auch in den sozialen Medien zeigt sich, dass der Tonfall bei Kritik sich deutlich verschärft hat, wenn ich mir manche Kommentare auch unter den Beiträgen des Kreises anschaue. Wenn Sie dort, oder bei Demos quasi vor Ihrem Büro, so etwas hören, wie „den Landrat aus dem Kreis jagen“, „der kann mich mal“ oder „Görtz muss weg“, macht das was mit Ihnen?

Da gilt für mich eindeutig: der Ton macht die Musik. Wenn man in der Öffentlichkeit steht, dann muss man damit leben, dass Menschen nicht einverstanden sind, wie man Entscheidungen trifft oder was man macht. Dann muss man mit Kritik leben. Das dürfen Menschen auch sehr gerne öffentlich machen. Das dürfen auch „Querdenker“ zum Beispiel. Auch wenn ich deren Thesen überhaupt nicht teile und einige dort verbreitete Dinge sogar für gefährlich erachte. Trotzdem gilt die Meinungsfreiheit für alle und wir müssen das dann aushalten. Es bleibt aber dabei: der Ton macht die Musik. Ich könnte Ihnen auch jetzt wieder einige Mails zeigen. Auch unser Pressesprecher oder die Kolleginnen und Kollegen im Gesundheitsamt könnten Ihnen einige Geschichten erzählen, in welcher Form sich jetzt zum Beispiel Eltern beschweren, dass im Kreis schon bei der Inzidenz 100 und nicht erst bei 165 die Schulen und Kitas geschlossen werden.

Was läuft denn da genau in der Kommunikation schief ?

Ich kann ja noch verstehen, dass Eltern sich nicht damit auseinandersetzen wollen, wer das angeordnet hat und dass das eine Entscheidung des Landes ist und nicht des Kreises, aber man muss immer den Respekt voreinander bewahren. Wenn ich dann eine Mail bekomme, in der es nur heißt, dass ich zurücktreten soll, weil ich zu alt und zu dumm für das Amt bin, dann setze ich mich ehrlich gesagt mit dem Absender nicht auseinander. Die Respektlosigkeit hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Vielleicht ist das in der Pandemie auch verstärkt so, weil die Menschen dünnhäutiger geworden sind. Das kann man wahrnehmen, natürlich auch an sich selbst nach über einem Jahr Corona. Das sind aber alles keine Gründe, die rechtfertigen, in welcher Art hier teilweise miteinander umgegangen wird.

Es gibt ja auch Vorwürfe aus der Bevölkerung, dass der Kreis nicht immer richtig gehandelt habe in der Pandemie. Fehlt es da auch an Wissen in der Öffentlichkeit darüber, wer für was zuständig ist?

Ich würde gerne diese Wort Zuständigkeit gleich mal vermeiden. Wer eine Frage hat, hat ein Anrecht auf eine Antwort. Aber über die Verantwortung des Einzelnen müssen wir glaube ich mehr aufklären. Manchmal dreht sich Verantwortung in der Wahrnehmung um. Nehmen wir mal ein Thema abseits der Pandemie: wenn Menschen die Umwelt verschmutzen mit illegal abgelagerten Müll, gibt es Menschen, die sich mehr über den Kreis oder die Kommune aufregen, dass die angeblich nicht schnell genug diesen Müll entfernen, als über die Verursacher der illegalen Entsorgung. Und das setzt sich in der Pandemie fort. Die Schulen werden doch nicht deswegen dicht gemacht, weil der Landrat keine Ahnung hat und sich nicht für Familien interessiert, sondern weil das Land das so entschieden hat – was ich übrigens vollkommen respektiere. Es gibt dafür Gründe. Und das müssen wir den Leuten dann erklären, solange der Tonfall stimmt.

Es gab auch den Vorwurf, es habe in Stormarn zu viele Corona-Todesfälle gegeben im Vergleich zu anderen Kreisen. Es sei in Heimen zu spät geimpft worden, es habe an Informationen gefehlt.

Ich finde es auch persönlich sehr belastend, dass wir eine so hohe Zahl an Toten hier im Kreis hatten. Das möchte ich betonen. Der Stormarner Kreistag hat darum in seiner letzten Sitzung die Trauer um jede und jeden einzelnen Verstorbenen zum Ausdruck gebracht. Aber wir hatten bei uns im Kreis eine sehr hohe Zahl an Infizierten in Pflegeheimen und leider gibt es den Zusammenhang, dass eine hohe Zahl an Infizierten in dieser Altersgruppe auch zu hohen Todeszahlen führt. Diese Abhängigkeit kann man auch beim RKI nachlesen. Wir sind aber mit den Seniorenheimen in einem sehr guten Dialog. Und dass der eine oder andere – vielleicht auch über die Presse – gesagt hat, er hätte sich mehr Informationen und Unterstützung gewünscht, muss ich leider damit beantworten, dass wir – gerade als die Zahlen in den Pflegeheimen so hoch waren – mit unserer Arbeitsbelastung wirklich am Anschlag waren. Das betrifft das Gesundheitsamt, das betrifft die Heimaufsicht, das betrifft den Katastrophenschutz und das betrifft auch die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Das ist leider nicht alles zu leisten, wie man es sich auch selbst wünscht, wenn eine Lage sich so zuspitzt.

https://www.e-pages.dk/stormarnertageblatt/2685/assets/a365156832i0002_max1024x.jpgLandrat Henning Görtz (rechts) mit seinem Vorgänger Klaus Plöger. Patrick Niemeier

Gibt es etwas, von dem Sie sagen würden, dass Sie es aus der Pandemie mitnehmen werden?

Ein wichtiges Ziel für uns als Verwaltung ist es, dass wir die Digitalisierung unserer Arbeit selbst weiter voranbringen wollen. Die Digitalisierung hat einen positiven, sehr guten Schub bekommen. Da geht es nicht nur um Home Office oder ähnliche Sachen, sondern auch darum, dass wir für den Bürgerinnen und Bürgern mehr digitale Angebote bieten und digital besser zu erreichen sind. Hinzu kommt die Weiterentwicklung unserer eigenen Arbeitsweise und unseres Arbeitsumfeldes. Das nennt sich auf Neu-Hochdeutsch „New work“. Neben dem Home-Office gibt es da ja auch so etwas wie Desk-Sharing und andere Dinge, bei denen wir merken, dass sie machbar sind, obwohl wir vorher teilweise dachten, dass sie nicht so schnell möglich wären. Ein zweiter Bereich ist die gute Entwicklung bei Social Media, auch hier ging es durch die Pandemie schneller voran. Solche positiven Dinge will ich unbedingt erhalten.

Gibt es etwas, von dem Sie sagen würden, dass Sie es aus der Pandemie mitnehmen werden?

Ein wichtiges Ziel für uns als Verwaltung ist es, dass wir die Digitalisierung unserer Arbeit selbst weiter voranbringen wollen. Die Digitalisierung hat einen positiven, sehr guten Schub bekommen. Da geht es nicht nur um Home Office oder ähnliche Sachen, sondern auch darum, dass wir für den Bürgerinnen und Bürgern mehr digitale Angebote bieten und digital besser zu erreichen sind. Hinzu kommt die Weiterentwicklung unserer eigenen Arbeitsweise und unseres Arbeitsumfeldes. Das nennt sich auf Neu-Hochdeutsch „New work“. Neben dem Home-Office gibt es da ja auch so etwas wie Desk-Sharing und andere Dinge, bei denen wir merken, dass sie machbar sind, obwohl wir vorher teilweise dachten, dass sie nicht so schnell möglich wären. Ein zweiter Bereich ist die gute Entwicklung bei Social Media, auch hier ging es durch die Pandemie schneller voran. Solche positiven Dinge will ich unbedingt erhalten.

Gibt es weitere Bereiche, die sich trotz oder gerade in der Pandemie beim Kreis gut entwickelt haben?

Ich möchte da gerne den ganzen Bereich der Kulturarbeit hier bei uns im Kreis nennen. Da konnten wir einige Impulse setzen, die auch nach Corona noch da sein werden. Wir haben ja unseren Kulturentwicklungsplan noch vor der Pandemie fertiggestellt und sind ebenfalls – wie in anderen Bereichen – brutal eingebremst worden. Aber Ideen, die hier entwickelt wurden, konnten weitergehen – auch wenn es natürlich dramatisch ist, was mit der Kulturszene in der Pandemie passiert ist. Schlimm ist die Lage besonders für Kulturschaffende, die gerade ganz einfach ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen können. Wir haben daher Förderprogramme aufgelegt, teilweise in Kooperation mit der Sparkassen-Kulturstiftung und beteiligen uns an bundesweiten Projekten, beraten und unterstützen. Wir konnten Dinge auf den Weg bringen, die es ohne Pandemie wohl nicht gegeben hätte.

Ein anderer Bereich, an dem der Kreis seit Jahren verstärkt arbeitet, ist ja der Tourismus. In Corona-Zeiten ist Naherholung noch wichtiger geworden. Wie sieht die Weiterentwicklung des Tourismus in Stormarn aus?

Wir haben vor Kurzem das Tourismuskonzept angeschoben. Wir wollen mit der Politik und mit den touristischen Akteuren im Kreis – wie der Dehoga und vielen anderen – ins Gespräch darüber kommen, wo überhaupt unseren großen Stärken im Kreis liegen. Da gibt es eine Parallele zurück zum eben genannten Thema
Kultur. Denn auch hier ist die Frage, wie wir alle Beteiligten noch besser miteinander vernetzen können. Es geht auch um gemeinsame Vermarktung. Ich weiß, dass wir niemals dazu kommen werden, dass wir ein touristischer Hotspot werden, was z.B. zweiwöchige Urlaube angeht. Es geht viel mehr um Naherholung und Kurzurlaube und da werden wir Stormarn in den nächsten Jahren definitiv weiter voranbringen. Das hängt damit zusammen, dass das Thema Tourismus sich in den Köpfen der Menschen verändert, das hängt auch mit dem Bereich Klimaschutz zusammen. Fernreisen werden weniger und das nicht nur wegen der Pandemie.

Apropos Klimaschutz – der ist sicher eine der großen Herausforderungen der nächsten Jahre und Jahrzehnte, wie stellt der Kreis sich da auf?

In unserem Verwaltungsstruktur-Projekt haben wir neben den Bereichen „Digitalisierung“ und „New Work“ nun auch das Handlungsfeld „Nachhaltigkeit“ aufgenommen. Wir betrachten den Klimaschutz in Zukunft auf zwei Ebenen. Zu meinen gemeinsam mit der Kreispolitik bezogen auf den gesamten Kreis Stormarn. Hier geht es beispielsweise um die Reduzierung von Treibhausgasen, Mobilität, Abfallvermeidung oder nachhaltiges Wasser-Management. Darüber hinaus geht es darum, was wir hier selbst in unserer Kreisverwaltung machen können. Es geht um konkrete Entscheidungen im Verwaltungsalltag. Man kann das sogar mit dem Thema Mitarbeiterbindung verbinden, z.B. bei E-Bike-Leasing oder Mitarbeiter-Tickets für den ÖPNV. Außerdem haben wir im Klimaschutz eine weitere Stelle hinzubekommen, die auch gerade besetzt wurde.

Zur Klimaschutz-Diskussion gehört es in einem wirtschaftsstarken Kreis mit hoher Nachfrage nach neuen Gewerbeflächen auch, dass das Thema Bodenversiegelung auf den Tisch kommt. Das ist ja in vielen Ausschüssen schon feststellbar, dass es häufiger heißt, dass Wachstum eben endlich ist und neue Ansiedlung eventuell gar nicht mehr stattfinden können. Wie sehen Sie das?

Das ist bezogen auf die Kreisentwicklung wirklich das Mega-Thema. Generell ist es doch die Frage: Wo will der Kreis in zehn oder zwanzig Jahren stehen? Das Land wird über das sogenannte Flächensparziel die Richtung vorgeben. Es soll in ganz Schleswig-Holstein nur noch 1,3 Hektar Fläche jeden Tag versiegelt werden dürfen. Momentan liegt das Land bei 3,5 Hektar. Ich finde, dass ist etwas starr und fast eine Reduzierung um zwei Drittel. Genau darauf müssen wir uns aber trotzdem auch in Stormarn einstellen. Gleichzeitig sehe ich eine immense Nachfrage nach Gewerbe- und Wohnbauflächen bei uns im Kreis.

Woher kommt die hohe Nachfrage?

Die wird neben der attraktiven Lage verstärkt zum Teil dadurch, dass erste Bezirke in Hamburg entschieden haben, dass dort keine Einfamilienhäuser mehr entstehen dürfen. Menschen, die dennoch ein Einfamilienhaus wollen, orientieren sich also noch stärker als bisher ins Umland. Der Druck steigt also weiter, das führt dann dazu, dass die sowieso schon vergleichsweise sehr hohen Grundstücks- und Immobilienpreise weiter explodieren, weil weniger Flächen zur Verfügung stehen.

Und wie geht man dagegen vor?

Wenn wir sagen, wir wollen nicht weiterhin immer mehr Grünflächen versiegeln, brauchen wir andere Maßnahmen: Flächenmanagement, Brachflächenmanagement zum Beispiel. Wir müssen in die Höhe bauen, Gewerbegebiete stärker verdichten und auch andere Wohnformen propagieren. Der Geschosswohnungsbau hat sehr wohl seine Berechtigung, wird aber in den Kommunen noch immer teilweise wenig akzeptiert bzw. von der Bevölkerung abgelehnt. Diese Herausforderungen kommen und die müssen wir gemeinsam mit den Kommunen lösen.

Da sind ja enge Zusammenhänge zur Diskussion um den bezahlbaren Wohnraum, wenn Immobilienpreise steigen.

Für mich ist das Thema ganz klar. Wir brauchen passende Flächen und müssen dann gemeinsam mit den Kommunen den Weg gehen, dass wir diese auch entsprechend bebauen können. Es müssen die passenden Bebauungspläne auch wirklich beschlossen und auf den Weg gebracht werden, denn ein Grundstück ohne Baugenehmigung hilft nichts. Ob wir das über eine eigene Gesellschaft oder ein Bündnis für Wohnungsbau lösen, ist dann eher eine politische Frage, die unterschiedlich beantwortet wird. Das ist ein politischer Diskurs. Viel wichtiger sind aber erst einmal die passenden Flächen.

Wenn ich Ihnen so zuhöre, klingt das klar so, dass Sie ab 2022 in eine zweite Amtszeit gehen wollen nächstes Jahr.

Ja. Ich würde wirklich sehr gerne weitermachen. Für mich persönlich war es damals der richtige Schritt, den ich nie bereut habe. Ich war vor fünf Jahren sehr froh, dass ich über die Parteigrenzen hinaus mit einem tollen Ergebnis gewählt
wurde. Und um es frei nach dem ehemaligen Trainer des FC Bayern München, Giovanni Trapattoni, zu sagen: Ich habe noch nicht fertig.

Apropos Fußball. Wie ist es, als FC-Bayern-Fan hier im Norden Chef einer Kreisverwaltung zu sein?

Wir haben hier eine kleine Bayern-Community in der Verwaltung. Natürlich ist das auch immer wieder Inhalt von kleinen Sticheleien. Das macht ja auch Spaß und gehört dazu. Es ist immer schön, wenn man neben dem normalen Job auch ein Thema hat, über das man sich mal austauschen kann. Tatsächlich hat mir aber vor meiner Wahl zum Bargteheider Bürgermeister jemand ernsthaft geraten, zu verschweigen, dass ich Fan des FC Bayern bin. Das wollte ich aber nicht und habe ich auch nicht und es hat meine Wahlchancen dann ja auch nicht verringert.

Konnten sie von der Philosophie des FC Bayern, dem „Mia san mia“, etwas in die Kreisverwaltung Stormarn importieren?

Ich würde jetzt nicht sagen, dass ich mir das beim FC Bayern abgeschaut habe. Aber es gibt schon Parallelen, was die gemeinsame Haltung zu den gemeinsamen Erfolgen angeht. Denn wenn es drauf ankommt, hält man in Stormarn zusammen. Darum beneiden mich andere Landräte, wenn ich ihnen berichte, wie es bei uns läuft. Das gilt für Politik und Verwaltung, und auch für Kommunen untereinander. Wenn dass das Stormarner „Mia san mia“ ist, der große Zusammenhalt der Stormarnerinnen und Stormarner untereinander, dann stimmt das. Vielleicht sollten wir es aber etwas norddeutscher „So mok wi dat!“ nennen.

Gibt es etwas, was Sie unbedingt mal sagen wollen, nach fünf Jahren im Amt?

Mir wird ja nachgesagt, dass ich manchmal etwas wenig lobe. Und das möchte ich an dieser Stelle sehr gerne einmal nachholen. Denn was ich hier in fünf Jahren kennen gelernt habe ist, wie motiviert und professionell in der Kreisverwaltung gearbeitet wird. Das hat sich gerade in der Pandemie gezeigt. Die Solidarität die es gegeben hat, war groß. Als wir sahen, was auf uns einbricht, haben wir das angepackt. Alle haben sich gegenseitig unterstützt. Natürlich bröckelte das auch mal nach einem Jahr hier und da, ich will das nicht nur rosarot malen. Aber der Zusammenhalt zog sich durch das ganze Haus. Wir haben Kolleginnen und Kollegen zur Pandemiebekämpfung eingesetzt, andere haben Mehrarbeit auf sich genommen. Die Motivation war und ist was ganz Besonderes.

Wenn wir noch mal in der Sportsprache bleiben. Sie planen also, Ihre Karriere in Stormarn mit diesem motivierten Team zu beenden?

Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Ich habe ja immer nur Zeitverträge, ob als Bürgermeister oder jetzt als Landrat. Wenn ich 2022 als Landrat weitermachen darf, was mein Wunsch ist, dann habe ich ja erstmal zunächst wieder sechs Jahre Vertrag. Den werde ich erfüllen wollen. 2028 – am Ende einer zweiten Amtszeit – wäre ich dann 61 Jahre. Dann schauen wir, wie es danach weitergehen würde.

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