Stormarner Wochenschau: Besondere Erlebnisse

Stormarner Tageblatt  11.09.2021

Besondere Erlebnisse

Karikatur: Megi Balzer
Karikatur: Megi Balzer

Patrick Niemeier, Susanne Link und Guido Behsen
Perspektivfrage
Die Arbeitsverhältnisse beim Internethändler Amazon stehen immer wieder im Fokus von Berichterstattungen. Positiv fallen diese selten aus. In Bad Oldesloe gab es jetzt gleich zwei Mal in wenigen Wochen Großkontrollen am Verteilzentrum durch Zoll, der Ausländerbehörde und Polizei. Es stand im Raum, dass der Mindestlohn nicht gezahlt werde und die gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht eingehalten werden. Aus Sicht von Amazon ein Problem der Subunternehmer, die tatsächlich in diesen Fällen kontrolliert wurden. Amazon gibt sich entsetzt und verweist darauf, dass man das natürlich nicht wusste. Denn hätte man das gewusst, dann hätte man ja….Kurzum, man sei sehr überrascht. Naja, ein Schelm, der Böses dabei denkt. Aus dem Kreis der Kritiker heißt es, dass Amazon sich nicht ewig dahinter verstecken könne, dass man nicht selbst Schuld an den Arbeitsverhältnissen bei den Subunternehmern sei. Die Frage, warum man denn eigentlich die Fahrer und alle Lagerarbeiter nicht einfach selbst einstelle und sich damit dem Ärger mit Subunternehmern erspare, lässt Amazon unbeantwortet. Stattdessen wird darauf verwiesen, dass ja solche Fälle nicht an der Tagesordnung seien und auch der Verdacht, dass kein Mindestlohn gezahlt werde, sei ja erstmal nur ein Verdacht. Außerdem sei man bereit mit den Behörden zusammenzuarbeiten. Eine Aussage bei der man beim Zoll schon etwas schmunzeln muss. Denn Amazon hat gar keine andere Wahl, wenn Ausländerbehörde, Zoll und Polizei mal wieder am Verteilzentrum auftauchen. Dass bei zwei Kontrollen über 20 Personen aufgegriffen wurden, die sich illegal in Deutschland aufhalten, überraschte Amazon dann auch. Das sind allerdings so viele Überraschungen, dass man schon überrascht ist, wie überrascht der Internethändler offenbar zu sein scheint. Ein Amazonsprecher verweist darauf, dass man den Mitarbeitern ein besonderes „Arbeitserlebnis“ bieten wolle. Das klingt sicherlich in den Ohren derer, die jetzt vielleicht vor einer Abschiebung stehen und denen, die keinen Mindestlohn kassieren, vermutlich wie Hohn. Und ehrlich gesagt, wirken auch die abgehetzten Fahrer in ihren zum Teil ziemlich abgerockten Fahrzeugen eher selten so, als hätten sie gerade ein sehr besonderes Erlebnis. Zumindest kein positives. Aber vielleicht ist das auch gar nicht gemeint und vielleicht ist aus bestimmter Perspektive eine regelmäßige Kontrolle durch ein Großaufgebot von Zoll und Polizei am Ende ein Teil des grandiosen Erlebnisses. Ein wenig wie eine Geisterbahn auf dem Jahrmarkt oder ein Horrorfilm im Kino. Das sind ja auch Erlebnisse mit besonderem Charakter.

Digitalisierung
Stundenlang in der telefonischen Warteschleife hängen, am Rathaus aufgrund „personeller Engpässe“ abgewiesen werden oder monatelang auf E-Mails warten – seien Sie gewiss: Dieser Behördenwahnsinn hat in absehbarer Zeit ein Ende. Ein paar Städte und Gemeinden im Kreis stellen im nächsten Monat die ersten Weichen, damit spätestens Anfang 2023 – so will es der Gesetzgeber – alle Verwaltungsleistungen auch elektronisch erfolgen können. Durch die Erfahrungen der leidgeplagten Ahrensburger, die monatelang keinen Pieps von ihrer Stadtverwaltung hören, wird deutlich, warum das eine richtig feine Sache ist. Keine Wartezeiten. Mit ein paar Klicks den Führerschein, Personalausweis oder andere Sachen beantragen. Herrlich. Eigentlich. Wer sich nämlich auf den Verwaltungsportalen für sein Anliegen authentifizieren muss, braucht erstmal ein Kartenlesegerät oder ein NFC-fähiges Smartphone für einen elektronischen Personalausweis. Da wird der ein oder andere dann doch lieber schnell ins Rathaus fahren – wenn es denn wieder ohne Termin geöffnet hat.

Ehrenhaft
In Reinbek brennt zum wiederholten Mal ein Auto, ein Bagger auf einer Baustelle in Ahrensburg wird mutmaßlich angezündet, auf der A1 entzündet sich die Ladung eines Lkw, in Grande steht ein Schuppen in Flammen. Feuer-Meldungen aus einer ganz normalen Nachrichtenwoche. Hier und darüber hinaus unermüdlich im Dienst für die Allgemeinheit: die Retter der Freiwilligen Feuerwehren. Beispiel Grande: Hier kamen gleich drei Wehren aus den umliegenden Dörfern den Kameraden vor Ort zur Hilfe. „Das ist schon enorm an einem Freitagvormittag“, wie der Grander Wehrführer anerkennend bemerkte. Man kann es gar nicht oft genug betonen: Die Frauen und Männer, die Jugendlichen, die sich in den Wehren engagieren, tun dies eben freiwillig neben Arbeit, Schule, Haushalt, Ausbildung, unterstützt von ihren Partnerinnen, Partnern und Familien, die zurückstecken, wenn es irgendwo brennt. Dass dies alles andere als selbstverständlich ist, könnten wir schon bald schmerzhaft vor Augen geführt bekommen. Denn wie nahezu alle ehrenamtlichen Vereine und Initiativen plagen auch die Freiwilligen Feuerwehren Nachwuchssorgen. „Wenn ich groß bin, werde ich Feuerwehrmann!“ Es ist nie zu spät, diesen Satz aus der Kindheit in die Tat umzusetzen.

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